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  • Ege Gorgun

Ecke ohne H. Eine Gute-Nacht Geschichte für Erwachsene.

Er. Wer war er? Wo war er? Ich wusste mal, wie er wirklich hieß. Ich kannte jedenfalls seine Mutter. Eine äußert attraktive Frau. Na ja, für unsere erzählerischen Zwecke nennen wir ihn mal »Ecke«, so wie er auch von seinen Freunden benannt wird; passend zu seiner provokanten und zumeist verwirrenden Art. Jetzt kommen wir zurück auf die Frage: Wo war »Ecke«? Er war umgeben von einer sehr dichten Rauchwolke unserer geliebten Bar »Zum Goldenen Horn«, direkt am Freiheitsplatz. Schwebte er über dieser Wolke oder versank er eher darin? Nein, er versank vielmehr unter den vielen Mänteln auf der Sitzbank, die in seine Richtung geschmissen waren und vor allem unter seinem eigenen. Obwohl es sich sicher streiten ließe, ob es draußen kalt war, fror Ecke mit seinem Kinn fest an seiner Brust, seine Hände tief vergraben in die Taschen seines Mantels und er erlebte zeitgleich einen der Höhepunkte seines alkoholischen Rausches. Während die anderen am dunkel-orangenen runden Tisch unter dem riesigen Pantomimendarstellerbildes eifrig über was auch immer diskutierten, starrte Ecke durch die Glastür gegenüber hindurch. Wäre jemand seinem Blick präzise einer Achse entlang gefolgt, hätte die Person enttäuscht feststellen müssen, dass sein Blick nirgendwohin führt. Denn in eine Sackgasse der Gedanken starrte Ecke. Ihm war unbewusst, dass… ihm war auf jeden Fall Einiges unbewusst. Deshalb lassen Sie mich Einiges klären. Es war Donnerstag- oder Freitagabend. Jedenfalls nachts. Das gewöhnliche Ritual. Die Redaktionsgruppe des na ja ein wenig bekannten Literaturmagazins »Posthum« hatte sich wie gewöhnlich in der beliebtesten Bar des Bambürger Kreises, in der »Goldenen«, getroffen. So nannten die Stammkunden unserer Stadt diese Bar. Kennen Sie unsere Stadt? Vielleicht haben Sie den Namen schon mal in der Bahn gehört. »Nächste Station Bambürgen an der Leine. Ausstieg für Extremisten rechts.« (lacht).

Die Redaktionsgruppe des »Posthum« bestand wie schon seit ihrer Gründung von »Ecke«, »Tumtum«, »Spitznas«, »Dose« und »Koloss«. Der Name des Magazins »Posthum« bezog sich auf die ursprüngliche künstlerische Vision der Gruppe. Geplant war es schon von Anfang an, zu dichten und schreiben, wie viel man kann und dann na ja…als Gruppe gemeinsam zur endgültigen Tat schreiten, die laut der Bambürger Kultfigur und Gründerin der »Posthumystischen Lyrik« Prof. Dr. Irene Margaret Bögeles, dem letzten Kreis auf dem Werdegang eines jeden jungen Dichters entspreche, allein durch welche die künstlerische Selbstverwirklichung eines jeden Daseins ermöglicht sei. So viel auch unsere lieben Redakteure die Bögeles anbeteten, irgendwie wurde immer wieder das Datum der »Posthumystischen Selbstverwirklichungstat« auf die kommende Woche verlegt. Immer dann zitierte Dose ihr Lieblingszitat aus ihrem Lieblingsfilm: »Ich habe eine Revolution in der Architekturgeschichte geplant und ich bin nicht einmal dazu fähig zur Schule zu gehen.«, indem sie die Szene immer halbwegs mit Absicht halbwegs ohne Absicht sehr übertrieben nachspielte.

Zu den Mitgliedern des »Posthum« gibt es nicht sehr viel zu sagen. Tumtum trug immer Pullover mit unnötig langen Ärmeln von allen möglichen Farben. Sie schrieb ihre Gedichte ausschließlich auf ihre Zigaretten, die sie dann auch sehr schnell verbrauchte, denn sie fand es überbewertet, viel Wert auf die eigenen Texte zu legen. In Gesprächen mit Fremden, die sie darauf hin ansprachen, sagte sie fast ironisch immer das Gleiche: »Wenn Kunst die Wirklichkeit des Lebens vor Augen zu führen hat und ja das hat sie, so impliziert dies, dass auch die Kunst wie wir selbst sterblich sein muss.« Koloss war dadurch bekannt, dass er na ja sehr groß war und beide seiner Elternteile an den Feierlichkeiten der regionalen Bambürgen Inversionstags verloren hatte. Ein Tag, an dem im Rahmen der Feierlichkeiten unter anderem alle Fahrzeuge auf der falsche Spur fahren. Überdies war Koloss eine Modeikone in ganz Bambürgen. Er war der erste Bambürger, der im Jahre 94 seine Haare blau gefärbt hatte. Als man ihn dann dazu fragte, antwortete er immer: »Tja, blau ist die wärmste Farbe.« Von Spitznas munkelte man, sie habe mit 16 Jahren als erste auf der Welt den Sinn des menschlischen Lebens entdeckt und sofort auf ihren Körper tätowieren lassen. Die gleichen Leute munkelten auch, dass außer ihr, auch Koloss den Sinn des Lebens kenne. Nicht etwa, weil er selbst darauf kam, sondern weil, so geht eben die Munkelei, sie mal miteinander geschlafen hätten. Doses Eltern waren prominente unserer Stadt. Ihre Mutter die Privatinvestigatorin Angelique Krull und ihr Vater der Chefredakteur der »Bambürger Gazette« und somit mein Chef. Ich? (lacht) Mein Name ist Jürgen Gabriel Willascheck, ich bin einer der Redakteure der »Bambürger Gazette«. Jedoch all meine Kollegen und nahen Freunde nennen mich »Gabito«, also nennen Sie mich ruhig Gabito. Doses Vater Markus war in unserer Stadt jedoch viel berühmter durch seinen anderen heimlichen Job unter einem ganz anderen Namen; Mustafa Ali, im öffentlichen Hörpornodienst des regionalen Kanals BÖHPS. Mustafa Ali war bekannt unter Studenten bis Senioren, auf der Straße wurde er von allen herzlichst gegrüßt, Menschen wollten Autogramme von ihm haben und vor allem in der Goldenen hatte er seinen eigenen Tisch mit anderen legendären Figuren unserer Stadt. Nicht etwa als Markus Jäckel Krull, der Chefredakteur war er so bekannt, sondern als sein künstlerisches Alterego; der großartige, der wunderbare Mustafa Ali. Dose hatte Einiges von ihren Eltern geerbt, nichtsdesto weniger die provokante und leidenschaftliche Art Dinge in ihren Schriften zu kritisieren, allerdings auch die Rauchgewohnheiten ihres Vaters. Diese Frau (Dose) rauchte wirklich alles, was in den sonnigen Feldern von Virginia mal wuchs. Manchmal wenn man in Bambürgen Mitte in den Himmel schaut und vor lauter Nebel den Mond nicht sehen kann, da weiß man genau, wer an dem Abend mal inspiriert war zum Schreiben. Jetzt kommen wir zurück zu Ecke. Zu ihm gibt es wirklich nichts zu sagen. Außer dass alle, aber alle in Bambürgen wusste, dass er in Tumtum verknallt ist. Nur er wusste nichts davon, dass alles es wussten und vor allem nur er wusste nicht, dass seine Liebe nicht einseitig war. Lesen Sie dazu gerne meine Schriften, die ich letztens in einem kleinen Bändchen des Bendemann-Verlags zusammengestellt habe.

Ich saß an jenem Abend in der linken Ecke hinter dem hölzernen Raumtrenner am gleichen Tisch mit den Rentner-Stammkunden Frau Eva Küpfele und Herr Heinrich Klaus Klußmann, sowie Mustafa Ali. Mit jungen Jahren waren Klaus und Eva die absoluten Anführer der linken Bambürger Szene. Alle wissen, wie sie bis heute noch wahnsinnig ineinander verliebt sind, aber blind vor Eifersucht die Vergangenheit in der Kommune nicht ganz hinter sich bringen können. Zwischen spießigen Kommentaren der beiden und Alis wahnsinnig tiefen Stimme, konnte ich trotzdem dem anderen Tisch noch gut zuhören.

»Das einseitige Toilettenpapier?, wie zur Hölle bekommen ausgerechnet sie das Lob der Bögeles?« sagte Dose und klatschte die Zeitung hart auf den Tisch ab. Sie zitierte ironisch den Lobesartikel: »Durch eine gewagte Umdefinition von allen bekanten Maßen der konventionellen Literatur, geling den mutigen Mitgliedern des Magazins ›Das einseitige Toilettenpapier‹ das Voraugenführen des Charakters des Unmessbaren in der Kunst in einem noch nie versuchten 10:500 Maß.« Das einseitige Toilettenpapier war der größte und einzige Nebenbuhler des Magazins Posthum. »Das widerspricht doch allem, was sie in ihrem Buch selbst festlegt als richtig.« sagte Spitznas. Alle holten ihre eigenen Ausgaben des berühmten Bögeles Buch »Von Arithmetik der Seitenformatierung bis zum Kalkül der Funktionaltypographie: Postmoderne Einblicke zur Sinnlichkeit des Lyrikwesens im Mittelalter: Band I« heraus. Es wurde eifrig im Buch geblättert, wilde Argumente durch die Gegend geworfen und mehrmals auf den Tisch gehauen. Während all das passierte, war Ecke gar nicht geistig anwesend, bis irgendwann die Kellnerin zu ihrem Tisch kam und murmelnd fragte, ob alle zufrieden seien. Die Kellnerin, die auch die einzige Angestellte in der Goldenen war, war die 53-jährige Tochter der beiden Besitzer der Goldenen Felipe genannt »J.J.« Plüschner-Eichenspitze-von Neuhausen. Die Goldene gehörte gesetzlich halb zu Madame Victoria Eichenspitze-von Neuhausen und halb natürlich ihrem Mann Hermann Ferdinand Eichenspitze-von Neuhausen. »J.J.« Plüschner als die passiv-aggressive Kellnerin der »Goldenen« war vielleicht einer der sehr wenigen Häken dieses stets verpesteten, stets dreckigen Studentenparadieses.

Ecke sprang auf einmal auf seine Beine, warf dabei alle Mäntel inklusive Regenschirme, Mützen, Schale und Handschuhe auf den Boden und schrie: »Zufrieden sein? Zufrieden sein? So ein Murks! Wie kann heutzutage ein Bambürger überhaupt zufrieden sein? Die Erde brennt, unsere Erde brennt und wir sind es, die sie niederbrennen. Vor der Revolution, vor unserer geistigen, philosophischen, politischen und vor allem literarischen Revolution kann ich keine ruhige Nacht verbringen. Ich vergewissere euch, liebe Bambürgerinnen, liebe Bambürger, die Revolution kommt. Bald. Verdammte Scheiße! In die Hölle mit dem Kalten Kriegg!!!« drehte sich um und schaute erwartungsvoll in Tumtums Augen. Koloss fragte, ob alles in Ordnung sei. Spitznas sagte bloß: »Das mit dem kalten Krieg, ich weiß nicht ob du das öffentlich so sagen darfst.« Irgendwann dann verwandelte der schockierte Blick von Tumtum in ein verlegenes Lächeln. Aber allzuverlegen. Doch dies reichte Ecke aus, er hatte seinen geistigen, philosophischen, politischen und vor allem literarischen Beitrag zum Abend ja vielleicht zu den paar kommenden Tagen geleistet und wollte gehen. Bevor du gehst, sagte Koloss, lass uns auf das Ende vom kalten Krieg trinken. »J.J.«, die während der ganzen Schikane da stand und nichts sagte, erwirderte dann »Also dann doch nicht zufrieden?«. Es wurde 5 mal »Rohrreiniger« bestellt. Nein (lacht wieder), nicht Rohrreiniger. Der »Rohrreiniger« ist der berühmte Rohrzucker-Tequilla Shot der Goldenen. Also 5-mal Katsching, 5-mal Gluck und 5-mal Badumm. Getrunken war’s und Ecke machte sich auf den Weg. Er salutierte alle der Reihe nach und zum Schluss den lächelnden Pantomimendarsteller im Pantomimendarstellerbild an der Wand. Und er salutierte ihm zurück. So betrunken war Ecke. Er wäre fast rausgegangen, da schnappte eine sehr feste Hand sein Handgelenk und drehte ihn zu sich. Es war ein sehr groß gebauter eher älterlicher Mann. »Ja?« fragte Ecke. »Mein Name ist Micheal Kristian Kübsch. Ich bin einer der respektiertesten Poeten dieser Stadt. Jetzt drücken Sie mir die Hand.« und reichte Ecke die Hand. Ecke sagte »Freut mich, Micheal Kristian Kübsch. Mein Name ist Ecke. Aber ohne H.« Ecke hasste zwei Dinge auf der Welt wie die Pest, das erste fällt mir gerade nicht ein, aber das zweite war es sicherlich, dass Leute ihm ohne Grund mit ihren verschwitzten Händen die Hand drücken wollten. Er schüttelte mit MKK trotzdem die Hände. Sonst wäre es unhöflich gewesen. »Freut mich Ecke ohne H. Gewiss ein sehr markanter und verzeihen Sie merkwürdiger Name. Sind Sie etwa Ausländer?« fragte MKK. Ecke sagte, »Ich wohne in dieser Stadt.« Stille. »In Ordnung, ich habe gehört, dass Sie auch publizieren und dachte, Sie wären, sicher sehr daran interessiert, ein paar von meinen Werken zu veröffentlichen in ihrem Magazin. Wie heißt es nochmal?« Ecke erwiderte: »Ach, gewissermaßen Micheal Kristian Kübsch, allerdings Sie sehen, ich bin gerade am Gehen, also Ecke ohne H. empfehlt sich.« »Aber warten Sie doch, ich wollte Ihnen mein letztes Band ›Abschiede im Mondlichte‹ noch zeigen.« hörte Ecke MKK noch hinter sich rufen. Mit seinem frühen Abschied, erfruh Ecke natürlich nichts von allem, was noch in der Goldenen an jenem Abend passierte. Wie Doses Mutter Privatinvestigatorin Angelique Krull in die Bar kam, zwei Zigaretten zeitgleich rauchend anlässlich des Mordes an Möbius Sebastian, dem Kater des Herren Eichenspitze-von Neuhausen eine große Investigation startete und mit endlosen Zeugenverhören den Abend für alle zerstörte. Ecke kam irgendwann an seinem Gebäude an. Auf dem ganzen Heimweg flüsterte er sich aber ein Wort, das er letztens gehört hatte. »Epanechnikow, Epanechnikow, Epanechnikow…« An seiner Haustür, als er seinen Schlüssel suchte, sah er plötzlich die beiden Hausmeister seines Gebäudes: Franz und Fjodor. Franz saß dabei auf Fjodors Schultern und aß Leibnitzkekse. Bei seinem letzten Leibnitzkeks, überreichte er ihn Ecke und sagte »Gute Nacht Herr ohne H.«




Am 9. Dezember haben wir im Universitas unsere vierte Lesung »Revue« gehalten. An diesem Abend haben Felix Kunz, Ege Görgün, Jakob Burgi und Patrizia Hinz aus unserer Redaktion neue Texte präsentieren. Auf unsere Ausschreibung hin haben außerdem unsere regelmäßige Gastautorin Klaudia Rzeźniczak und ein neuer Gastautor, Joshua Loska ihre Texte bei uns vorgelesen. Als musikalische Begleitung hat wie immer das Duo »blues no blues«, auch bekannt als Felix und Shadi, begeistert.

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