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  • Karim Gamil

Verlustängste

Am Ende unserer Vorhalle sitzt ein uns ähnlicher jungaussehender Mann. Er ist genauso alt wie wir und strahlt immerhin eine gewisse Jugend aus. Ich möchte plausibilisieren, dass diese Ausstrahlung auf seine Naivität zurückgeht.


Ich habe bisher vermieden, den Optimisten zu erwähnen, aus Angst Klischees zu verfallen. Unsere Truppe grenzt geradezu sehr an Pseudo-intellektualismus, als dass ich gefahrlaufen würde, mit dem Pessimisten gleichgesetzt zu werden. Denn darauf laufen unsere meisten Gespräche mit dem Optimisten hinaus und er kotzt mich wirklich an.


Er ist eigentlich ziemlich offen und nett, aber genau das ist sein Problem. Daher rührt zum Teil auch die Schwierigkeit, seine Existenz in genauen Begriffen einzufangen. Im Gegensatz zu uns, zum Nostalgiker, zum Melancholiker, hat der Optimist ein sehr schwieriges Verhältnis zum Visionär. Denn auch er, der Optimist, lässt sich auf den Visionären zurückführen. Zum genauen Sachverhalt seines Stammes komme ich vielleicht bei Gelegenheit später zurück.


Die Existenz des Optimisten zu bestimmen, ist gegen den Erwartungen sehr schwer zu bestimmen. Der Optimist begrüßt uns meistens mit einem, zumindest in meinen Augen - und hier sollen mich bitte die Anderen korrigieren, wenn ich falsch liege - ein falsches Lächeln. Und ohne auf die langen, nicht-zielführenden Gesprächen einzugehen, möchte ich an dieser Stelle in Kürze etwas über die Person des Optimisten erzählen und über die Schwierigkeit unseres Verhältnisses.


Der Optimist so wie erwähnt ist auch Visionär, er lebt in seinen Vorstellungen und er lebt gleichzeitg laut seinen Worten: “Das Konkreteste Leben von uns allen”. Der Optimist ist trotz seiner Naivität und seiner Lebensbestätigung wahnhaft. Ohne ihn irrationalisieren zu wollen, möchte ich behaupten, dass unter uns allen er der Verzweifelste ist!


Nein nicht, weil er “positiv” ist, weil er nicht Tag und Nacht um jedes Problem herumheult (wie manche von uns in dieser Runde Anwesenden!). Er verzweifelt, weil er auch so wie wir, die Erfahrungen Vorstellungen und Schemata unterwerfen möchten, z.B den Verlust der Widerkehr, den Betrug dem Menschenlaster oder das Scheitern dem Gewinnsgenuss, zwar sichtbares in Unsichtbares verwandeln möchte, jedoch sich der Voreinnahme seines Blicks nicht bewusst ist!


Auch ist er sich seiner Natur nicht bewusst, er kennt sich selbst nicht und erkennt also die Welt nicht. Der Optimist, sieht in seltenen Momenten froher Feierlichkeiten Grund darin, alle weiteren Aspekte seines Lebens aufzuwerten. Er verträgt überhaupt kein Leid. Das geht klarerweise auf seine Sensibilität zurück. Man kann von ihm durchaus behaupten, dass er in seiner sinnlichen Gewissheit gefangen ist, während er sich seines Reflexionspotenzials auschließlich dann bedient, wenn es darum geht, eine ihm widerfahrende Erfahrung auf sein Prinzip “das Gute” umzudeuten.


Ich möchte hierfür keine Beispiele nennen. Ich hoffe, dass ich mit genug Klarheit gesprochen habe und wenn nicht, so möchte ich das hier noch mal etwas direkter und noch allgemein behaupten: Der Optimist ist unter uns allen der Gefährlichste. Ich fürchte den Optimisten, weil er nicht erfahren kann, ohne zu totalisieren. Er möchte uns immer aufheben, “aufsteigen”. Selbst wenn unsere Existenzen verzweifelt sind, ja in tiefstem Sinne auf unsere Selbstspaltung zurückgehen, fürchtet keiner von uns das Leben, die Erinnerung, die Trauer, die Hoffnung, die Schönheit, die Rache, die Sucht, das Leiden - ja die Verzweiflulng - das sind die Inhalte unseres Lebens, die wir mit Liebe zum Schicksal, zum uns Übersteigenden, zum uns Begrenzenden und Verniedelichenden fühlen. Wie wir Sinn aus ihnen herstiften mag fragwürdig sein, aber wir sind wenigstens in der Lage sie zu sein. Dem Optimisten dagegen gelingt es, diese nicht wahrzunehmen. Für ihn gibt es kein Böses, kein Unwahres, keine Lüge, keinen Ekel, kein meschlich-allzumenschliches, es gibt nur die Ordnung der Dinge im Guten.


Und damit komme ich zu meinem Punkt; der Optimist ist naiv. Seine Naivität besteht darin, keinen Platz seinem Horizont für Fremdes zu haben. Er möchte nur eines, - die Einheit des Guten - erfahren und somit vernichtet er alles, was ihm seiner Einheit berauben möchte. Und zwar bevor er es erfährt. Sein Körper ist kein Träger fremder Körper, sondern Wirbel und Rezeptakel. Er ist blind! Er ist gefährlich! Der Optimist ist Mörder! Hütet euch vor ihm! Hütet euch vor der Grausamkeit des Guten! Hütet euch vor seiner, Künstlichkeit! Hütet euch vor dem Optimisten.


Ich sehe ihn erzählend auf uns zukommend:.


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