Das sind die Texte, die wir im Rahmen des Heidelberger Literaturherbstes 2022 am 16. Oktober diesen Jahres vorgetragen haben. Dazu wurde der Film »Pygmalie« von Karim Gamil aufgeführt, der unten ebenso zu finden ist.

 

Entworfen aus Zwein/ph

 

Entworfen aus Zwein, die

liebend zusammensetzen: fängt

eine Einzelne an zu sammeln.

An wen ist es denn gebunden,

dass man sich umkehrt

und fortsetzt was anderen entsprang.

 

Allein wer auszieht, wählt

den Pfad und liest manche Spur.

Und wohin man kommt ist der Tisch

bereits gedeckt und die Runde wartet.

Die Ankunft herauszögernd bleibt

die Fragende liebend.

 

 

Friendly Strangers/kg

 

Friendly stranger

At last, we meet again

Your subtle gaze of warmth

Trapped us in the rain (stole our breath?)

 

Friendly stranger

Meeting in the dark of night

Your intimacy remains untouched

And our possibilities a shimmering light

 

Hidden behind the proximities of my chest

Are forgotten sentiments

At the museum of imagination, we rest

And the spectres of memory lead us to decadence

 

Friendly stranger

Your inward flight casts the shadows of our demise

And in their contemplation our souls reprise

 

Friendly stranger, Friendly stranger

We met at the precise historical conjunction

of phantasm and fantasy

Incorrectly referred to as nostalgy.

 

 

 

schon gesehen/ck

 

Ich trete aus der fremden Wohnung nach draußen in die kühle Luft. Sie beruhigt die Lungen, die sich vom gestrigen Rauch noch ganz bleiern anfühlen. Geschlafen habe ich kaum, weil sich mein Kopf etwas zu viel gedreht hatte, doch die Stille der Straße fühlt sich wach und frisch an. Selten habe ich die Gassen ganz für mich erlebt. Kurz fühle ich mich so, als würde der friedliche Morgen mir gehören. Der Efeu an den roten Häusern winkt mir und dem weiß gelben Sonnenlicht dieser Uhrzeit entgegen.

 

Nach ein paar Minuten gehen die ersten Menschen an mir vorbei. Mit Zeitung unter dem Arm eilen sie energisch zum Bäcker, zum Bus, zur Arbeit oder Schule. Auf einmal wird mir bewusst, wie faltig die Jacke ist, die ich als Kopfkissen benutzt habe und meine Schminke weit unter den Augenringen, nicht mehr darauf hängt. In solchen Momenten versuche ich stets, mich aufzulösen, und diese zielstrebigen Frühaufsteher machen mir das ziemlich leicht. Ich finde sie irgendwie tröstlich, sie kennen ihren Weg, sie sind der Beweis, dass man sein Leben auch schon um 6 Uhr morgens auf die Reihe bekommen kann. Jetzt fange ich richtig an zu schwelgen in dieser Ordnung. Ich werfe meine Wahrnehmung auf die Passenten auf der Hauptstraße, die wie Bienen durcheinander, aber doch mit einem inneren System an mir vorbeischwirren. Für einen kurzen Moment spüre ich ihre Ruhe und sauge die Geborgenheit auf, als würde eine eigene Erinnerung an mir vorbeilaufen, bevor ich wieder auf mein runzliges Selbst zurückgeworfen werde. Während ein paar wackliger Schritte denke ich kurz an den gestrigen Abend zurück, der als Erinnerung im dämmrigen Orange ganz im Kontrast zu meiner jetzigen Umgebung steht. Ich biege wieder in eine Seitengasse, in der Bäume an geschwungenen Balkonen rascheln. Mein Weg führt ins Abseits. Dort habe ich schon immer gewohnt. Nicht im freundlichen Treiben, sondern im Ranz, im Industriegebiet, in dem niemand so beschwingt seine Bahnen zieht.

 

Wahrscheinlich kommt daher diese Faszination. Wenn man von außen schaut, sich nur für einen kurzen Moment auf die Leute schmeißt, ist es immer spannend oder ein wenig wehmütig. Eben weil ich niemals um 6 Uhr morgens mit einem Kaffee auf mein Rad springen würde, um in die Routine zu fallen. Der morgen kippt träge in den Tag und die Stadt beginnt wieder lauter zu brummen. Ein Rasenmäher und röchelnde Jogger, die dreist an mir vorbeirennen. Der Blick gleitet zur Seite auf den etwas modrigen Fluss. Jetzt überflutet mich das Gefühl selbstgefälliger Verachtung für diese Pünktlichkeit, an die ich mich vor einem Moment noch geklammert hatte. Eigentlich ist es doch geradzu beruhigend, nicht zu dieser Masse an Wohlstandsbürgern zu gehören. Ich vergrabe mich nun noch tiefer in die Jacke.

 

Alle guten Dinge sind drei. Da taucht es auf, dieses Flimmerbild, zudem ich so gerne aufsah, das ich stets im Spiegel fand. Da ist er wieder, der melancholische, einsame Denker. Ausgestoßen von der Gesellschaft steht er im Schatten meines Kopfes, sein Blick durchdringt die Banalität dieses Wahnsinns, den wir Alltag nennen, und macht ihn lächerlich. Mit glasigen Augen sieht er die Lichter der Zivilisation im Schnee funkeln, vor dem er sich schützt, er greift in die Tasche des langen, dunklen Mantels, und zündet sich mit seinen roten Fingern eine Zigarette an, deren Rauch er ins Nichts steigen lässt. Während ich weitergehe, versuche ich mein Selbst über diese Schablone zu legen. Natürlich passt sie nicht, da fehlt zu viel. Sagt man. Obwohl ich mich so oft bei dieser Figur miteinbezogen, mitgedacht fühle, würde dieser Denkermann in meinem Kopf mir wohl niemals als Gleichgesinnte entgegentreten. Nein, wenn überhaupt war ich das Gegenstück, das unendlich Andere, das naive, runde, weiche Weibliche. Die Maria, die die schwere des Lebens gar nicht erst bemerkt, in deren sinnlicher Wärme und Naivität sich diese Figur genauso wie ich mit den Passanten für einen kurzen Moment geborgen fühlt. Mehr würde ich da nicht beitragen. Mit Ekel stelle ich mir vor, wie sich diese Figur weinerlich in meine Brüste vergräbt.

Dann gehe ich einfach schnell heim.

 

 

Triolettzyklus »déjà vu«/fl

 

 

I

 

dir die hand dir aufgelegt schon einmal

morgens durch dein haar gefasst noch nie

nanntest du mir wie aus alter heimat

dir die hand dir aufgelegt schon einmal

öfter auch die motten fliegen gleichsam

monden nach und betten sich wo sie

dir die hand dir aufgelegt schon einmal

morgens früh am morgen fast noch nie

 

 

II

 

zieh vorüber tag um tage fliehend

abgesang im gleichschritt der cythere

die zu summen lichter sich zu mühen

zieht vorüber tag um tage fliehen

soll der heiler wenn die astern blühen

wiederkehrn als ob's nichts wäre

zieh'n vorüber tag um tage fliehend

abgesang im gleichschritt der cythere

 

 

III

 

stein auf stein die erdenmenschen tragen

hände noch die formen dir ein lied

hartgebor'n aus einsamkeit geschlagen

stein auf stein die erdenmenschen tragen

zeiten nach so lassen ceres klagen

dich und uns und alle wesen müd

stein auf stein die erdenmenschen tragen

hände noch sie formen dir ein lied

 

 

Geister/jb

 

Nachdem ich zurück ins Herbstland kam, war einer der ersten Orte, die ich besuchte, Bonn. Ihre Stadt. Der Grund für meine Reise war beruflich, das aber hielt mich nicht davon ab, oft an sie zu denken. Jedes Mal, wenn Leute in die Straßenbahn einstiegen, erwartete ich unwillkürlich, dass sie unter ihnen war. Jedes Gesicht, das, umrahmt von halblangen dunklen Haaren, in der Menschenmenge der Innenstadt aufblitzte, konnte ihres sein. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel blickte ich mich fortwährend nach ihr um. Ich kannte die Straßen noch von einem meiner Besuche bei ihr. Über eine der Ampeln ging ich bei rot – halb in der Erwartung, dass sie mich wie damals entrüstet aufhalten würde, »da drüben sind Kinder!« In Gedanken streckte ich der Hauswand an ihrer Statt die Zunge heraus. Ich rechnete jedoch nicht damit, sie zu sehen. Ich wusste nicht einmal, ob sie überhaupt noch in Bonn wohnte.

 

Es war früh klar, dass ich irgendwann noch einmal nach Bonn kommen würde. Der Gedanke ließ mich damals zusammenzucken, aber es fiel mir einigermaßen leicht, dieses Schicksal zu akzeptieren, hatte es sich doch schon damals schicksalshaft angefühlt, als wir uns das erste Mal in der schmuddeligen Küche meiner damaligen WG begegneten. Ihr Gesicht war nur halb von der funzeligen Deckenlampe beleuchtet, sie hatte sich erst zwei Wochen zuvor von ihrem Ex-Freund getrennt und war zu Besuch aus Bonn. Das alles wusste ich natürlich noch nicht, als ich in die Küche gestapft kam, ebensowenig, dass ich mich noch in der kommenden Woche in sie verlieben würde. Ein paar Abende später aber war das bereits klarer. Ich hatte für die WG und den Besuch französische Zwiebelsuppe gekocht und dafür Ewigkeiten gebraucht, während es draußen die Stadt zuschneite. Beim Essen saß sie neben mir, wir tauschten Blicke aus – und mehr war nicht nötig. Es war nie mit jemandem so einfach gewesen zu reden – wir verstanden uns sofort. Ich hatte nie so sehr das Gefühl gehabt, einfach ich sein zu können. Ich war da, und sie mit mir. Und Blicke reichten, um ein wir zu schaffen. Was mir sonst oft schwer fällt, nachzugeben, einfühlsam zu sein, all das war mit ihr verschwunden. Ich war ziemlich euphorisch, und hatte gleichzeitig eine Riesenangst. Dass alles wirkte zu perfekt, zu groß. Sollte es das sein?

Später dann machten wir eine Schneeballschlacht vor unserem Haus, obwohl die Ausgangsperre schon lange angefangen hatte. Da hatte ich die Stadt um uns, unabhängig vom Schnee, der alles Geräusch bis auf unserem Schlachtlärm dämpfte, schon fast vergessen.

 

Bald nachdem wir uns kennen gelernt hatten, nahm sie sich eine Auszeit, was nur verständlich war. Ich ließ den Fluß der Dinge zu, aber vermisste sie sehr. Und so sahen wir uns einige Monate nicht, bis ich mich überwand, sie anschrieb und bald darauf in Bonn besuchte. Aber natürlich sollte es nicht mit ihr klappen. Dieses Schicksal und die ganzen Erinnerungen aber anzunehmen, als ich jetzt in persona in Bonn war, war deutlich schwerer als ich erwartet hatte.

 

Ich war also wieder in Bonn. Auf dem Rückweg vom Veranstaltungsort der Konferenz lief ich einen kleinen Umweg, weil ein Café, das uns beiden damals gut gefallen hatte, nicht weit war. Schlendernd kam ich an einem modernen Glas-und-Stahl Quader der Uni vorbei. Ich musste schmunzeln, damals hatte sie erzählt, dass sich einer der Professoren im obersten Stockwerk desselben ein Penthouse eingerichtet hatte. Ihr lachen darüber haftete dem Gebäude immer noch an. Mit neuem Schwung spazierte ich weiter und fand ein paar Straßen später das Café, das es immer noch gab. Ich nahm einen Kaffee mit, um mich weiter durch die von Kirschbäumen gesäumten Straßen treiben zu lassen. Jetzt blühten sie wunderschön, damals hingegen war es noch zu früh im Jahr und immer noch sehr kalt. Beim Gedanken an die Kälte kam mir in den Sinn, dass die Eislaufbahn nicht weit von hier sein konnte. Die Straßen, durch die ich lief, mussten Teil unseres Rückwegs vom Schlittschuhlaufen gewesen sein. Eiskunstlauf, den sie, als sie klein war, gelernt hatte, hat mich immer fasziniert. Ich hatte sie überreden können, mir ein paar Übungen beizubringen. Sie war eine geduldige Lehrerin, ich fühlte mich auf dem Eis nie unwohl mit ihr. Ich war aber trotzdem froh, dass sie meine zahllosen Stürze oft nicht mitbekam. Fiel ich hin, merkte sie oft erst drei Runden später, das ich nicht mehr neben ihr her lief. Das ich andauernd fallen könnte, schien ihr nicht richtig einzuleuchten.

 

So wanderte ich danach noch öfter mit Gedanken an sie durch die Straßen. Bonn ist nicht so groß, das sie mir nicht die meisten Ecken der Innenstadt gezeigt hatte. Es war wie zu versuchen, auf kariertem Papier zu zeichnen, ohne auf die Linien zu achten.

Hier zum Beispiel war schon wieder der Markt, wo sie damals frischen Salat und Obst für die Abende einkaufte. Der Botanische Garten, wo wir das take-away Curry gegessen hatten, zu dem sie mich eingeladen hatte. Damals hatte es kurz vorher so geregnet, dass ich die Brille hatte abnehmen müssen, um überhaupt etwas zu sehen. Daraufhin hatte sie mir die Speisekarte vor vorgelesen, die ich ohne Brille nicht mehr hatte erkennen können, und hatte mich dafür ausgelacht. Und so weiter. Nach einigem hin und her wandern im Heute fand ich auch die Gasse, in der wir uns zu ersten Mal geküsst hatten. Sie war nach wie vor perfekt für solche Dinge, schattig, etwas abgeschieden, aber trotzdem mit einigen Bäumen und Bänken versehen. Setzen wollte ich mich aber nicht.

 

Als ich sie damals besucht hatte, ging es ihr ein paar Tage nicht so gut, und ich wollte etwas Schönes für sie tun. Ich hatte nicht das Gefühl, derjenige zu sein, den sie brauchte, und wusste nicht mehr recht weiter. Also tanzte ich verlegen hoffnungsvoll zu der Tanzmusik, die ich in ihre Playlist geschummelt hatte, allein einen langsamen Walzer. Und siehe da, es brauchte nicht lang, bis sie sich zu mir gesellte. Ihr Wohnzimmer war etwas klein dazu, aber sie konnte wirklich gut folgen, und ich war wenig Platz gewohnt. Wir brauchten ein paar Takte, um uns zu finden. Dann aber klappten die Drehungen (viel mehr geht sowieso nicht mit wenig Platz), und ich genoss das Lied sehr, unter anderem, weil es ein sehr langes war. Danach aber setzte sie sich aufs Sofa und wollte nicht weiter tanzen. Ich konnte nur ratlos den Kopf schütteln.

Später machten wir eine Stadttour, besonders das Rathaus blieb mir im Kopf. Das Gebäude ist äußerst eindrucksvoll. Es erinnerte mich an die venezianischen Palazzi, dreistöckig, die gesamte Front mit meisterhaften Tiere und Heilige, aus Stein gehauen, geschmückt. Der Platz war mit Arkaden umgeben, in deren Bögen Fresken die Geschichte der Stadt erzählten. Wir sahen uns den Hals steif, bis wir auf den Platz selbst aufmerksam wurden. Dort, direkt vor dem Rathaus, war eine Sonnenuhr in Pflaster eingelassen, so groß, dass wir sie beim darüber spazieren übersehen hatten. Statt Zahlen hatte sie kunstvoll verzierte goldene Metallplatten, die die Sternzeichen darstellten. Schnell hatten wir das ihre gefunden. Meines ließ auf sich warten. Ich irrte noch einige Zeit über den Platz, und konnte zwei der Zeichen nicht zuordnen. Und auch wenn es eines gewesen sein muss, ich konnte es nicht benennen.

 

Und genauso sicher, wie ich mir all diese Zeit mit ihr war, stand schon die ganze Zeit ihre Entscheidung gegen mich fest. Es war keine schleichende Entfremdung, keine Verletzung. Es war einfach nicht, was ich glaubte dass es sei. Ihre Entscheidung stand felsenfest, genauso wie die Tatsache unserer Verbindung, an der sie nie zweifelte.

 

»Und ich stolperte über

Wurzeln und Lieder

im Angesicht dieser

Stadt.«

 

Die Woche der Konferenz verging schnell. Auf dem Weg zu einem Stummfilmfestival, zu dem ich mit ein paar Kollegen schon seit einigen Tagen gehen wollte, fällt mir auf, wie froh ich bin, dass ich über diese Geschichte als etwas vergangenes nachdenken kann. Es ist ein Schritt, solche Dinge hinter sich zu lassen. Und schon steht sie vor mir in der Schlage vom Eingang zum Arkadenplatz, wo das Festival stattfindet. Dreht sich um und lächelt mich an. Sie. Mein Zurücklächeln fühlt sich sehr schief an. Ich freue mich irgendwie, ihr zu begegnen. Andererseits verkrampfe ich innerlich. Warum taucht sie hier auf? Was soll das? Es war doch schon schwer genug gewesen, mit den ganzen Erinnerungen umzugehen. Sie schlängelt sich durch die Gruppe aus Leuten mit denen ich hier bin und schenkt mir eine Umarmung, die ich halbherzig erwidere. »Hey, alles klar?« »Ja,« antwortet sie, »und bei dir?« Ich würde ihr gerne sagen, wie schön es ist sie zu sehen. »Jaja« sage ich, ohne ihr richtig in die Augen zu schauen. »Ich kann auch gleich wieder gehen«, sagt sie. »aber was für eine Überraschung, in Bonn habe ich dich absolut nicht erwartet.« Ich will sie fragen, ob sie jetzt wieder in Bonn wohnt. »Naja«, sage ich, »die nächste Konferenz halt.« »Ich war letztens erst in deiner alten WG. Da hätte ich eher erwartet, dich zu sehen. Aber dass wir uns hier in Bonn treffen…« Ich zucke mit den Schultern. »Da war ich wohl im Urlaub.« »Ja klar, stimmt!« Sie lächelt mich an. »Stell mir mal deine Freude vor« fordert sie mich auf. Ich drehe mich zu den anderen um, die sich uns inzwischen zugewandt haben, und deute mit einer weitschweifigen Geste auf die Gruppe: »Mathematicians«, dann auf sie: »former mathematician.« »Hi mathematicians«, sagt sie auf das Hallo der anderen, und erklärt, dass sie aber schon wirklich länger keine Mathematik mehr macht. Sie wendet sich wieder mir zu. »Ich geh auch gleich wieder.« Eine Moment Stille schleicht sich ein. Dann sagt sie »Die Stummfilme hier sind aber auf jeden Fall super«. Es ist wirklich anstrengend, ihre gute Stimmung auszuhalten. Ich nicke und orientiere mich in Richtung meiner Kollegen: »Ja, die anderen meinten auch schon, dass es sich sehr lohnt, hierher zu kommen.« Endlich scheint sie die Botschaft, die ich aussende, verstanden zu haben. »Ich geh dann mal wieder«, meint sie, und winkt mir mit einem mittlerweile auch schiefen Lächeln einen Abschiedsgruß zu. »Tschüss« sage ich, und blinzele unglücklich den Boden an. Warum tut das noch so weh?

 

In dem Hof, in dem der Film gezeigt wird, verliere ich sie zum Glück aus den Augen. Als ich mir einige Minuten später die Beine vertrete, muss ich trotzdem gegen den Impuls ankämpfen, mich nach ihr umzugucken. Zu spät. Grade als ich mich von der Menge abwende, sehe ich sie fünf Reihen vor mir sitzen, dazu noch genau so versetzt, dass ich sie von meinem Platz aus immer gut sehen kann. Auf den Film kann ich mich nicht mehr konzentrieren. Jeden Moment erwarte ich eine Nachricht von ihr, oder wahlweise, dass sie sich an den Typen neben ihr anlehnt. Aber keines von beidem passiert, und auch am Ende, als ich ihr zumindest ein Tschüss zuwinken will, ist sie schneller weg, als ich sie wiederfinden kann. War sie nicht vorhin die, die interessiert daran war, Hallo zu sagen? Plötzlich bin ich nur noch wütend. Als wäre diese Stadt die ihre, hat sie sich die letzten Tage in meinen Gedanken ausgebreitet. Ich wünschte, meine Version Bonns würde sich in einen Boxring verwandeln, damit ich meine Gegnerin sehen kann, wenn ich versuche, sie aus dem Ring zu schmeißen. So aber bleibt mir nur, gegen Straßenpoller und Hauswände zu treten, bis der Schmerz sie aus meinen Gedanken vertreibt.

Später in der Straßenbahn sitzt mir gegenüber ein Typ, oben ohne, mit Sonnenbrille und Cap, und raucht. Ideal.

Deja Vu 7.png

Déjà-vu