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Ein metallischer Nachgeruch/jb

 

Immer wenn ich abends in die Stadt gehe, umweht mich der Salzgeruch der Atmo-sphäre, in der die großen Geschichten erzählt werden. Wie Strömungswirbel unse-rer Erinnerung, lasse ich mich darin versinken, die Wellen über mir zusammen-schlagen, lasse mich von ihrem Sog hin und her treiben, bis ich ganz Teil davon bin. Ich dränge mich durch den Trubel der Gassen, durch Wortgefechte und Satzfetzen, und einige bleiben an mir hängen, während ich an ihnen vorbei streife. Ich drehe sie um, sehe sie mir nachdenklich an und schaue zu, wie sie langsam ein Netz über die Gespräche werfen. Dann zerreiße ich die Wörter in ihre Einzelteile, um ein paar von den Flicken in das Netz zu knüpfen, und meine Hände riechen metallisch, als wären die zerbrochenen Reste aus Stahl. Auch ich will am Netz weben und mich nicht nur in diese Stadt am Ende der Welt hineinfallen lassen. Ich folge der Masse in Richtung der Uferpromenaden, um den Ausblick auf das Meer der Mitte mit den glitzernden Lichtern an der Küste zu genießen, bevor ich mich auf einen der zahlrei-chen Plätze setze und mich in eine eiserne Bank sinken lasse. Mittlerweile ist es dunkel geworden, und ein paar einfache Fischer auf der Bank neben mir beenden bei Bier und Zigarette mit großen Gesten ihren Arbeitstag. „Als wir in der Dämme-rung endlich damit fertig waren, die Netze zu reparieren, sind wir mit den anderen Booten in den Hafen. Über das Stampfen der Maschinen habe ich auf die ganzen Lichter geguckt, die vor uns gelegen sind. Es hat gewirkt, als kommen wir am Ho-rizont der Zivilisation an. An der Küstenlinie ist das Licht am stärksten, es war wie ein Feuerwerk, ihr kennt das, die Lichter wackeln in der Luft, die abends immer vom Meer aufsteigt. Das Licht ist langsam über die Berge und Täler der Stadt ge-schwappt wie eine gemächliche Welle über den Kutter, und hat sich gleichzeitig im Wasser gespiegelt. Es war irre. Ich glaube so war das damals, nachts in New York einzulaufen, als das noch die neue Welt war. Man hat das Gefühl, die Freiheit zu riechen. Der Leuchtturm hat vor den letzten Dämmerungsschatten geleuchtet, und mit den Wellen, die der Abendwind gegen uns geschickt hat, sind die Stimmen von der Stadt aufgebrandet. Es hat wie immer nach Dreck gerochen, und als wir ange-laufen sind, hätte mich niemand mehr halten können, mich in das Chaos am Hafen zu stürzen. Es ist einfach diese Stadt. Wenn das so weiter geht, werde ich deswegen noch zum Schriftsteller.“ Auch sie knüpfen ihre Identitäten und ihre Geschichten, auf dass sie möglichst lange halten sollen. Mir fallen die Satzfetzen ein, die ich auf dem Weg zum Café aufgesammelt habe. Ich ärgere mich, will sie weiter auseinan-derreißen, bis sie in so kleine Stücke zerrissen sind, dass sie kein Teil des Netzes mehr sein können. Es kann so einfach sein zu denken, wir hätten nur außen Gren-zen. Dabei bauen wir sie jeden Tag in uns auf, knüpfen unsere eigenen Stahlzäune und eisernen Netze, während wir durch die Straßen ziehen. All das hinterlässt einen komischen Nachgeruch in meinen Erinnerungen. Jede Stadt hat ihren eigenen Ge-ruch, sagt man. Ich denke, dass diese hier metallisch riecht, nach dem Eisen, das auch so gerne für Wörter verwendet wird. Wenn ich versuche, mich an früher zu erinnern, dann merke ich, dass Eisen schon immer sehr scharf schmecken konnte. Probiert hab ich es trotzdem. Genauso mag ich diese Stadt. Aber das heißt noch nicht, dass ich auch den Geruch mögen muss. Immerhin sind wir das, was die Stadt ausmacht. Ohne uns gäbe es nicht die Atmosphäre, in die ich eintauchen kann, an der ich teilhaben kann. Vor allem aber werden die Dinge durch den Geruch nicht besser. Irgendwoher wird er gekommen sein. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass er schon zu sehr Teil von uns geworden ist, als dass wir ihn je wieder loslassen können. Im Gegenteil, wir klammern uns daran fest. Und je schwerer es wird, die Zäune aufrecht zu halten, umso eher ist uns um sie getan. Und umso mehr Bedeu-tung messen wir ihnen zu, sodass jeder Zweifel an ihrer Stabilität das ist, was wie eine Gefahr riecht. Wir haben ein Netz gespannt, von dem wir denken, dass es dau-erhafter als Erz ist. Ich glaube nicht, dass wir drum herumkommen, dass unsere Finger noch lange nach Metall riechen werden.

 

Samt und Erinnerung/ph

 

Ich winke dir über ein Eck
und schiele zurück, wohin
deine Straße anfängt.
Lächeln erwidert andererseits.

Ich denke,
dass du nichts sagen wirst.
Das Band knüpft zwei,
wenn sich die Stille trifft.

Komme ich dir entgegen
sehe ich schärfer den Blick.
Stehe ich vor dir
wird Blau zu Samt.

Weiche Kanten und
tiefe Falten, fallen rings um
Liebesgeflüster. Dein Schatten-
riss an der Wand,

bleibt unerkannt und
lichtumspannt. So habe
ich dich verloren.

Aus dem Sumpf meiner
Erinnerung, steigt nichts
von Dir empor.
Das Eck wird weit, der Raum bleibt leer.

Dein Name gerufen
klingt wie Hohn zurück.
Wie eine zerrissene Fahne
steht dein Parfüm in der Luft.

Noch weiß ich,
wie weich dein Hals ist
in der Wendung zurück
an das Ende.

Aber bald grenzt
dein Schatten in meinem
Augenwinkel mehr an Illusion:
Dich als

die Umfassende.

 

clare et distincte/kg

Nicht mehr klar und deutlich, sondern unscharf und verschwommen führen Wände zu einem unfesten Punkt am Ende, von dem ich weiß, dass es einmal ein Flur war. Meine Beine strecken sich und meine Arme folgen. Ich höre Schritte, aber sie entsprechen einander nicht mehr. Der unfeste Punkt verändert seine Posi-tion nicht, aber die Wände mitsamt den Rahmen darauf schon. Sie bewegen sich mit unterschiedlichen Ge-schwindigkeiten. Sie führen zu einem unfesten Punkt in der Mitte des Raumes. Ein Rahmen fängt zwei klei-ne Figuren ein, eine kleiner als die andere. Eine trägt ein blau-weiß gestreiftes Hemd. Die Streifen stehen still, aber sie bewegen sich mit dem Bild. Diese Streifen erinnern mich an etwas. Plötzlich hören meine Arme auf zu schwingen und meine Beine sinken ein. Mein Rücken stützt sich auf eine harte Oberfläche. Ich muss mei-nen Kopf heben. Ich liege auf dem Boden. Ein weiterer Rahmen, den ich nicht bemerkt habe, liegt links ne-ben mir. Zersplittertes Glas verteilt sich gleichmäßig im Raum. Ich verorte alle Glasscherben, aber sie bewe-gen sich noch. Eine Glasscherbe dreht sich schnell in der Luft, während sie an Größe gewinnt. Je mehr Fläche sie bedeckt, desto mehr Licht reflektiert sie. Das Glas nimmt nun den größten Teil des Raumes ein und ich sehe eine Figur darin. Sie ist etwas kleiner als ich, aber sie gewinnt an Größe. Ich sehe ihr in die Augen und für einen Augenblick glaube ich, sie schon einmal gesehen zu haben. Die Figur im Glas ist jetzt größer als ich. Ihr Blick ist fest auf mich gerichtet. Sie schaut durch mich hindurch. Das Glas dreht sich immer noch. Ein Luftzug streicht gegen mein Ohr. Hinter mir höre ich etwas zerbersten. Die Person ist verschwunden. Ich drehe mich um und starre auf verschwommene, unscharfe Wände, die zu einem unfesten Punkt führen, von dem ich einmal wusste, dass es ein Flur war. Ich bin am Ende des Flurs. Ich verorte den Griff. Eine kalte glatte Oberfläche gegen meine Finger. Ich kralle meine Finger zusammen und bewege den Griff. Ich bin mir sicher. Und ich halte ein kleines Foto in meiner Hand. Zwei kleine Figuren. Die kleinere Figur schaut die grö-ßere Figur an. Die größere Figur schaut mich an. Sie streckt ihre Hand nach mir aus. Die kleinere Figur ist still und die größere Figur ruft nach mir. Ich will es. Ich denke darüber nach. Ich beschließe, es zu tun. Ich weiß nicht, wohin und woher, aber ich will es. Ich will hinübergehen.

Es ist ein sonniger Nachmittag in unserer Hütte am See und ich will mich nach einer produktiven Woche im Studio mit einem kalten Bier belohnen. Keine Kunden, die um Änderungen in letzter Minute bitten, nie-mand, der fragt, warum ich ihn „dick“ oder zu „blass“ aussehen lasse oder was auch immer. Ich drehe die Würstchen um, bevor ich meiner Frau Edith zuschaue, wie sie Sonnencreme auf die Nase meiner Tochter aufträgt. Ich bin von Schönheit überwältigt und hoffe, für immer hier zu bleiben. „Geh zu Papa, Kürbiss-chen, er hilft dir mit dem Rest“, sagt Edith, bevor sie die Kabine wieder betritt. Meine Tochter kommt auf mich zugerannt und ich stelle mein Bier gerade noch rechtzeitig ab, um sie aufzufangen. Ich bin stolz auf meine schnelle Reaktion. Meine Tochter bittet mich, mich umzudrehen. „Ich will sehen, was auf dem Feuer ist“, sagt sie, „kann ich das Feuer das nächste Mal anmachen?“. „Wenn du groß genug bist, um den Grill zu erreichen, Kürbisschen.“ Ich sage das zu ihr, während Edith meinen Namen ruft. „Dreh dich um!“, sagt sie, „lächelt ihr beiden!“, während sie die Kamera an ihre Augen hält. Meine Arme werden müde. Ich liebe mei-ne Frau und meine Tochter und hoffe, dass dieser Moment für immer anhält. Früher hätte ich ihr gesagt, dass ich jetzt nicht arbeite und an meinem freien Tag nichts mit Kameras zu tun haben möchte. Jetzt schweige ich, während meine Tochter in meinen Armen schwerer wird. „Es geht nicht!“, ruft Edith hinter dem Auslöser. „Drück einfach den roten Knopf an der Seite!“, antworte ich von der anderen Seite. „Da ist kein roter Knopf an der Seite!“, sagt Edith und sie wird ungeduldig. „Gib einfach her!“, konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Ich trage mein Kind auf dem einen Arm und greife mit dem anderen nach meiner Frau. Der Auslöser schnappt zu. Mein Kind ist nicht mehr schwer in meinen Armen, aber sie ist auch nicht leicht. Ich sehe sie, aber nicht mehr klar und deutlich. Ich schaue nach unten auf mein Hemd. Die verschwomme-nen und unscharfen Streifen stehen nicht still. Sie bewegen sich hin und her und verlassen mein Hemd. Sie führen zu einem unfesten Punkt am Ende dessen, was ich für einen Flur gehalten habe. Am Ende des Flurs. Dort ist eine Glasscheibe, die immer mehr Fläche einnimmt. Darin befindet sich eine Figur. Gefangen und unfähig, auszubrechen. Sie starrt mir in die Augen, sie will zu mir kommen. Ich möchte ihnen helfen, aber ich weiß nicht wie. Ich stehe an meinen Grenzen.

 



Diese Texte haben wir (Jakob Burgi, Karim Gamil & Patrizia Hinz) für den Literaturwettbewerb zum Thema "Grenzen" des Gustav-Adolf-Bähr-Förderpreis für Junge Literatur geschrieben. Das Gedicht "Samt und Erinnerung" wurde für die Longlist nominiert und ist mit den anderen nominierten Texten in einer Anthologie des Brot & Kunst Verlag erschienen.


 

Grenzen