• Ziollo

apoll & daphne

apoll


hätte cupido, das kind mit dem bogen, die wahl mir gelassen:

die liebe zu dir – ich hätte sie von mir geschlagen, ich wüsste

es besser. ich wüsste: noch nie ist ein heilendes mittel gewachsen,

zu lösen die bindende kraft, das den einen vorm anderen schützte,

das macht sie einander vergessen. ich wüsste: das werden

ist bitter: nie führt es, was recht, den gerechten zu, noch auch zur küste

den irrenden. dich führt es tief in die wälder, mich von den bergen

den heimatlich hohen hinab, dir zu folgen – vergeblich, und weiß es

doch jeden moment. denn stärker als liebe wächst einzig auf erden

der hass. also weiß es: je sehnsuchtsferfüllter des hungernden geistes

verlangen nach dir, liebe, daphne – so weiter wirst du mir entfliehen,

so tiefer verbergen die schönheit, dir eigen, im walde, und sei es,

um selber zum wald zu erstarren, den schopf dir zur krone ergrünen,

die haut dir zu rinde verhärten.– solches erträgst du, getroffen

vom pfeil des gottes, der gleich mir die sehnsucht, dich, daphne, zu spüren

den hass deinem herzen, dir einflößt – und meines ist drüber zerbrochen.

so weiß es: nichts schaffen die götter, das göttergeschlecht ist ein kleines:

ein gott, der ich bin, ist der kraft, die da bindet und schafft, unterworfen.

sie spricht unsrer liebe das urteil: vereint nicht zu sein sondern eines.





daphne


was soll mir der bleierne pfeil des gottes – dass cupido pfeile

verschießt, die nie fehlen – so lautet die lüge, die du, apoll, witz ei-

nes gottes erfindest, vorm vater, vor mir, vor dir selbst jenen keile

zu treiben, das urteil, gesprochen, dass ich keine freiheit besitz', kei-

ne unschuld, auf immer genommen vom schändlichen dämon, der ringsum

genannt wird: der heiler, der seher, des kronions sohn, apoll. 's nützt kein

beklagen: den pfeil hab längst ich gelöst und zerbrochen, ihn linksum

gewendet, die spitze verkehrt und die brüchigen reste dem jäger

entgegengeschmettert, vergeblich: er wallt auf, er zürnt mir, er zwingt zum

gefürchteten, letzten die frau, die er liebt, das wild, das er jagt, er

zur zier sich erlegt. das verlangen, das dich, apoll, selig verklärt und

zum zorne berauscht: es liegt in der hand nicht, die meine ist, aber

so nicht über dich, so doch über den körper, den ich dir verwehrt und

verboten: solang meine kraft nicht genügt, deinen rausch zu ersticken,

so reicht sie, den grund ihm zu rauben – die schöne gestalt sei verkehrt, um

den pfeil des jägers die leere nur treffen zu lassen. erblicken

sollst du, apoll, nichts als den lorbeer im walde – es ist zwar ein kleines,

doch kann mit diana, mir freiheit zu schenken, das urteil dir schicken,

das löset den einen vom andern: vereint nicht zu sein, sondern eines.









zum mythos


nachdem der gott apoll mit seinem bogen den drachen python getötet hat, gerät er in streit mit eros (cupido), dem sohn der liebesgöttin aphrodite. zwar trägt auch dieser einen bogen, aber die waffe des kindlichen gottes kann nicht verletzen: die pfeile, die er verschießt, stiften nur liebe, wo sie treffen. apoll macht sich darüber lustig – woraufhin eros ihm kurzerhand einen pfeil ins herz jagt. mit einem zweiten, einem bleiernen pfeil, der hass und abscheu stiftet, zielt eros nach der waldnymphe daphne – und trifft auch sie. apoll und daphne erblicken sich und sind ergriffen vom zauber des liebesgottes: apoll entflammt in liebe zur nymphe, sie hingegen verabscheut und fürchtet den gott. um der vergewaltigung zu entgehen, flieht daphne in die wälder. der gott jedoch ist schneller. in dem moment, da apoll sie ergreift, fleht daphne die natürkräfte an, sie von ihrem schicksal zu erlösen: »›Ach öffne dich mir, o Erde!‹, so ruft sie//›oder vernichte die allzu begehrte Gestalt durch Verwandlung!‹« ihre bitte wird erhört: bevor apoll sich mit ihr »vermählen« kann, verwandelt sich die nymphe in einen lorbeerbaum.

(ovid: metamorphosen, I 542–567. übersetzung nach hermann breitenbach)




zur form


bei den texten handelt es sich um zwei daktylisch-hexametrische terzinen. die terzine (ital.: terza rima) ist eine gedichtform, die zuerst fürs spätmittelalterliche italien nachgewiesen ist und sich durch ihre besondere versordnung auszeichnet: immer drei verse sind zu einer terzinenstrophe zusammengefasst, die terzinenstrophen wiederum sind durch reim verbunden nach dem schema: aba bcb cdc … yzy z. die sich fließend entwickelnde reimstruktur soll hier das eilende, furchtvolle, drängende der verfolgung daphnes durch apoll in der versordnung realisieren. dasselbe gilt für den daktylischen hexameter: dieser verweist zunächst auf die herkunft des stoffes in den ebenfalls hexametrisch organisierten metamorphosen ovids. zudem hat der daktylus aber auch etwas treibendes, trabähnliches, als würde er gleichsam marschierend auf einen höhepunkt zustreben. im antiken hexameter treten regelmäßig sog. »spondeen« (zwei aufeinanderfolgende hebungen) auf, die diesen rhythmus auflockern und verlangsamen. auf solche spondeen habe ich hier weitestgehend verzichtet, um den charakter des rein daktylisch aufgebauten verses – dem stoff entsprechend – zur geltung zur bringen.

der hexameter mit seinen sechs hebungen pro vers ist zu lang, dass der reim noch einwandfrei mitklingt – insbesondere bei einer komplexen reimordnung wie der terzine. diese architektonische schwäche habe ich auszugleichen versucht, indem ich binnenreime einbaue und mit der entweder direkten wiederholung oder dem aufgreifen sprachlicher motive arbeite. die idee war, dass nicht der endreim die primäre ordnende struktur darstellt. stattdessen wollte ich durch die vorgabe einer grob ordnenden reimstruktur und die arbeit mit binnenreimen, stabreimen, gleichklängen und wiederholungen ein klanglich stimmiges textgebilde erzeugen, das durch den strikten rhythmus eine hohe eigengeschwindigkeit entwickelt. diesen effekt soll zuletzt die typographie bzw. orthographie verstärken: der verzicht auf großschreibung lässt das textbild stromlinienförmiger und fließender erscheinen. allein bei der zeichensetzung bin ich eher konservativ vorgegangen und habe hier einschnitte gesetzt, um die syntaktische ordnung nicht zu sehr zu entstellen.