• Karim Gamil

Der Literat

Der Literat erfährt großen Genuß in seiner Kennerschaft großer Denker. Er ist personenfixiert. Er genießt, sich abstrakt auszudrücken mit der Überzeugnung, je komplexer, desto tiefer und weiser. Er verlangt vom Leser interpretatorische Anstrengung und möchte den Leser für die Entzifferung seiner Ideen kämpfen lassen. Hierin liegt sein Narzissmus. Der Literat gendert nicht. Er hält sich für einen großen Sprachbegabten, bildet sich ein, er würde mit jedem gesprochenen Satz Literaturgeschichte schreiben. Tatsächlich Schreiben tut er allerdings nicht. Der Literat würde das größte literarische Werk aller Zeiten schaffen, wenn er schreiben würde. Eben diese große Aufgabe setzt ihn unter Druck und hält ihn vom Schreiben zurück.

Der Literat braucht nicht viel, um glücklich zu sein, und gleichzeitig ist er eine der unglücklichsten Gestalten, der man begegnen kann. Eine Kombination aus Größenwahnsinn und kompromissloser (Selbst-) Kritik zeichnet ihn aus. Der Literat hält seine schlechte Körperhaltung für den nötigen Preis von Jahrzehnten strenger Lektüre und preist sich umso mehr mit jeder neuen Brillenanpassung. Sein Stil ist altmodisch per definitionem. Er bildet sich ein, gepflegt und doch bohemisch aufzutreten. Beispielsweise trägt er den selben alten Sacko seit Jahren und merkt dabei nicht, dass er inzwischen eine gewisse Aura ausstrahlt, dass man ihm seine geistige Faulheit und Verdorbenheit anriechen kann.

Der Literat hat kaum Freunde, aber viele Beakannte, mit den er das Gespräch immer wieder sucht. Er begibt sich jeden Dienstag abend in die Kneipe und erwartet fabelhaft den Auftritt eines Fremden, mit dem er sich in ein tiefes, aufklärendes und gleichzeitig poetisches Gespräch vertiefen und somit den Fremden von seiner Ignoranz befreien wird. In den Augen der Anwesenden sitzt der Literat stundenlang an seinem Tisch und raucht seine alte, hölzerne Pfeife mit Vanilletabak und riecht nach geistiger Flachheit. Könnte man den Literaten als geometrische Form bestimmen, so würde man sich zwischen einem Quadrat und einem Kreis entscheiden müssen. Das Quadrat starr in seiner Form, jedoch zu eckig und gespitzt für den ängslitchen Denker, der feige sich in Gedankenexperimente versetzt und den Teufelsadvokaten spielt. Der Kreis dagegen eignet sich besser für seine unkantige Oberfläche. Jedoch verfehlt er den sporadischen Charakter des Literaten, der als einziges Merkmal dieser Person zu erkennen ist, nachdem sein Körper und sein Handeln jahrzentelang ungefüttert blieben. Dafür besitzt der Kreis in seiner Form die Eigenschaft der Ruhe. Der Kreis ist bekanntlich eine ewige Form, die keine Änderung kennt.

Der Literat hat sein Leben lang darauf gepokert, dass man in seiner Zeit entdecken wird, dass er, um seinen poetischen Auftritt aufrechtzuerhalten, noch ein Glas günstigen Rotweins mit gutem Gewissen genießen kann. Eines Tages würde man sein Genie entdecken und damit würde sich seine finanzielle Notlage erledigen. Die Existenz des Literaten hat viele traurige Aspekte, die meisten unbesonders und entspringen seinem Faulen Charakter. Aber besonders tragisch ist sein verzweifelter Umstand, weil er in seinem wesenserkennendem Blick nie genug Abstand zu sich selbst gewinnen kann, um seine Situation präzise erkennen zu können. Der Literat besitzt geistig nichts und deswegen muss er umso mehr glauben, dass seine Geistigkeit seinen Wert und seine Identität ausmacht. Die Lotterie zu gewinnen, hieße für den Literaten, durch einen Akt göttlicher Intervention – der Literat is Agnostiker und glaubt trotz seines kritischen Geistes an eine höhere Kraft – materiellen Reichtum zu gewinnen. So viel Vermögen, dass er endlich in der Lage wäre, seine behauptete Indifferenz gegenüber jedem Materiellen und Irdischen zu verkörpern . Der Literat möchte also reich sein, damit er in Freiheit leben kann. Diese Freiheit ist aber das Gegenteil jeder Autonomie und Selbstbestimmung. Sie ist die Abwesenheit eines Arbeitszwangs. Immerhin schafft es der Literat, immer wieder nicht zu arbeiten. Womit er sein Geld verdient, ist Äußeren meistens unbekannt. Wenn man ins Gespräch mit dem Literaten kommt, so wird man schnell verdächtigen, dass er genug geerbt hat, um in der Hoffnung leben zu können, dass man ihn bald entdecken werde. Und wenn er nicht in seinem Leben entdeckt wurde, wird man ihn gewiss postum anerkennen. Auch hier ist unklar, wofür man ihn entdecken haben wird, solange er nur dann sein Schaffen in Bewegung setzen kann, wenn er die dafür benötigte Anerkennnung bekommen hat.

Den Literaten aus seiner Verzweiflung zu retten, ist keine einfache, aber immerhin simple Aufgabe. Man muss es nur schaffen, ihn zum Menschsein zurückzuführen. Der Literat besitzt seit Jahren keinen Körper mehr. Und selbst, wenn er seine Leiche mit sich trägt, achtet er nicht auf sie, füttert und bewegt sie nicht.

Tatsächlich verbringt der Literat seine meiste Zeit in seinen Fantasien und lässt sich von der Hoffnung ihrer Erfüllung weitertreiben. Neben seinen mehrfach geprobten Preisverleihungsreden und der Überlegung, ob er nicht den Literaturnobelpreis ablehnen würde, hat der Literat eine nicht zu unterschätzende Zeit damit verbracht, sich mögliche Pseudonyme auszudenken. Somit würde sich der wahre Wert seines Genies, seine Möglichkeit, sich unter Masken zu verstecken, seine Perspektivität, seine spielerische Klugheit trotz seines Alters, seine kindliche Seele und seine tiefe Weisheit der zukünftigen Generationen zeigen, sobald ihn eines Tages ein Verehrer und Bewunderer in den Kellern des zu seinen Ehren errichteten monumentalen Archivs entdecken wird. Unter den vielen Pseudonymen ist sein wahrstes Selbst nicht sein eigener, unauffällige Name, sondern der deutsch-französische. Auch ein adliger Nachname niederländischer Herkunft wird sich unter seinen vielen Namen finden lassen.

Der Literat hat keine wahre Erfüllung seit langen Zeiten erfahren. Fraglich ist, ob er sie je gekannt hat, sodass er die Hoffnung seiner Erfüllung kaum mehr von der Erfüllung selbst unterscheiden kann. Zu seiner Verteidigung, ist dieser Umstand nicht völlig undurchdacht. Sich nie zu bemühen, zu glauben, nie zu leiden und dafür nicht die Erfüllung selbst, sondern ihren Anschein zu erlangen, kann unter manchen Umständen als eine sinnvolle Verhandlung erscheinen. Aber wem soll sie erscheinen? Dem verzweifelten Literaten, der sich seiner Verzweiflung nicht bewusst ist? Unmöglich, aber nur ihm wäre sie angemessen.


Unterschrieben:

06.09.1982, Toulouse,

Charles Arthur van Heiden, Literat.