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Diva Trauma Wut

Emily Lailah Strauß
vor 11 Minuten
9 Min. Lesezeit

„Ich will dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan.“– Ex 15,1


Das war die Tageslosung meiner Geburt und die göttliche Ankündigung eines Jahrhundertereignisses. Vor meiner Zeugung schon erschien meiner Mama ihr verstorbener Vater und überbrachte ihr – ein kleines Mädchen im Arm haltend – die frohe Kunde meiner Geburt und in einer zweiten Begegnung – einen Jungen und ein Mädchen haltend – die Kunde meines Sidekicks, meines Yins, meines Zwillingsbruders. Und die Diva ward Fleisch und lebte unter uns und wir alle sahen ihre Herrlichkeit; und besungen ward es durch Dana International, die mit ihrem Lied über mich direkt die Eurovision gewann. Selbstverständlich.


Und obwohl meine Geburt von Europa, von der Welt, von höheren Mächten gewollt war, so ist meine erste Erinnerung nicht das Planschen in einer goldenen Badewanne in meinem wohlverdienten Palast. Nein, es ist mei Babba auf einem Volksfest in Saarbrigge, [1] in der einen Hand ein Urpils, in der anderen ‘ne Kippe. Ich und „de Lugga“ (Hochdeutsche, Italiener und auch er selbst würden Luca sagen) erkunden dieses Spektakel und versuchen von der schieren Menge an Riesen um uns herum nicht niedergetrampelt zu werden, bis de Babbe „bleiwwe mòò dòò bä mir“ [2] schreit. Ich weiß noch, dass ich zwei Gefühle hatte in diesem Moment: Ich war neugierig, ich wollte weiterlaufen, weiter als meine Äuglein sehen konnten und herausfinden, was es überhaupt anzusehen gibt. Und bei meinem Babba fühlte ich mich gleichzeitig sicherer vor dem Schwall an Goliaths um mich herum, aber eben nicht sicher. Es sollte noch Jahre dauern bis ich mich in seiner Gegenwart sicher fühlen werde, aber ich will mir nicht selbst vorweggreifen. „Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat und in seiner Familie.“ Mt 13,57


Und es muss wohl der Nachteil gewesen sein katholisch und nicht jüdisch geboren zu werden, da sich so auch diese Prophezeiung aus dem Neuen Testament erfüllt hat. Vor allem ein Wort wurde in meiner Heimat und in meiner Familie immer wieder ohne Ansehen in den Mund genommen: Schwul (ausgesprochen mit dem saarländischen Sch). Denn wem es noch nicht aufgefallen ist, so stimmte zwar die Ankündigung von meinem Oba, dass ein Junge und ein Mädchen auf die Welt kommen werde, aber als es dann so war, waren da augenscheinlich zwei Buwe, die Straußebuwe äwwe. Als ich mit vier Jahren im Fernsehen zum ersten Mal mit meinem Johannes dem Täufer, mit meinem Báb, [3] vertraut wurde und die sah, die mich verkündete und es hieß, dass Dana International als Junge geboren wurde, da leuchteten meine Augen auf und ich drehte mich zu meinem Vater um und schrie freudig: „Babba, Babba, aus nem Mann konn e Fraa genn?“, und die von meiner Mamma praktiziert wurde, worauf ich in diesem Text nicht einging. Woraufhin der nur lapidar erwiderte: „Jòò, awwa das mache nur Schwuchdele!“ Ich glaube, das war der erste Moment, in dem mir bewusst war, dass dieses Wort, das so oft und viel zu oft für mich benützt wurde, ein schlechtes ist. Dass die Erwachsenen das nicht einfach so ohne Grund zu mir sagen. Mei Babba hat es nicht nur öfter gesagt, sondern auch wohl noch häufiger gehört und daraus wurde ein Teufelskreislauf. „Andy, pass dòò awwa uff, sunnschd gebbd der noch schwul!“ [4] war kurz drauf gefolgt von „Babba, därf isch Ballett danse gehn? ‘s Celine dudd das

aach mache.“ „Nä, eisch mehn nidd, dass dau mòò schwul gebbschd!“ [5] Mei Babba gab nach. Und zwar immer.


Mei Mamma war, wie, wenn wir ehrlich sind, es Frauen öfter sind, stärker, aber was bewirkt eine Frau gegen ein ganzes saarländisches Dorf? Oder auch nur gegen den Kindergarten: De Bub spielt nur mit den Mädchen? Die Mamme wird einbestellt. De Bub zieht in der Umkleideecke nur Frauensachen an? Die Mamme wird einbestellt. De Bub lehnt es ab eine Schultüte für Jungs zu basteln und will auch ‘ne pinke Prinzessinnentüte? Die Mamme wird einbestellt. Bei meiner Mamma war ich sicher und ich bin froh, dass sie und meine Oma so gut wie es ging mich vor …dem… abschirmten.


Und es sollte auch nicht lange dauern, bis ich lernte, dass schwul etwas ist, dass man wohl ablegen könne und dass man mir dabei helfen wolle. E rischdischa Mann sollte aus mir werden, man schaue sich doch nur die strammen Waden an, aus dem kann ein Fußballer werden. Und dafür muss man den nur ein wenig abhärten. Und dann war da hier ein Schlag, und da ein Tritt, hier eine Brennnessel, und da Zigarettenglut, hier eine Schelle, und da mein Weinen. Aber weinen ist doch nicht männlich! Weinen ist doch das Zeichen, dass das Abhärten nicht geklappt hat. E rischdischa Mann, der flennd nidd. [6] Und warum weinst du überhaupt, wir machen uns doch nur Sorgen um dich, was soll aus dir denn mal werden? Ich glaub, ich habe als Kind so viel geweint, dass man damit einen Swimming Pool füllen konnte. Und versteht mich nicht falsch, das Schlagen war unterschiedlich: Die Jungs im Fußballverein, in den mich mei Babba schickte, und die von den Trainern ermutigt wurden, schlugen aushaltbar. Die Jungs in der Grundschule, die von der Grundschullehrerin ermutigt wurden, schlugen etwas fester. Aber nichts übertraf die Schläge meiner Cousins und derer Freunde. Und die wurden nicht nur angefeuert von den Onkelz, sondern die Onkelz schlugen am härtesten. E rischdischa Mann ist immerhin hart in jeder Art und Weise.


Aber was soll nur sein, wenn de Bub nach mehreren Jahren immer noch „nidd in da Fuhr gidd“, sich immer noch „nidd fieschd“? [7] Da wurde aus einem Schlag hier und einem Tritt da, ein Ertränken im Swimming Pool meiner anderen Oma hier und mein panisches Ringen um Luft und die bittere Erkenntnis, dass die Männer um mich herum über dem Wasser sind, da. Warum musste ich den Pool denn auch nur all die Jahre füllen? Und wenn ich jetzt weine, wird der Pegel, der mich runterdrückt, bloß steigen.


Aber de Lugga wusste, was zu tun ist und er wusste immer was zu tun ist und er holte die Mamma und die Mamma jagte die Männer fort und nahm mich aus dem Wasser. Ich habe in meinem Leben wahrscheinlich nie etwas Stärkeres empfunden als die Liebe zu meiner Mamma und ja Till – das ist mein Ehemann – es tut mir leid, aber du bist immerhin auf Platz 2. Ich denke gerne daran zurück, wie wir Tea Time gemacht haben und wie sie irgendwann eine kleine Ecke im Keller aufbaute, wo wir die machen konnten. Dass sie gegen den Widerstand meines Babbas mir einen Kinderbackofen besorgte und mit mir immer dasselbe simple Küchlein backte und dessen Geheimrezept wir Fleur de Vanille nannten. Wie sie mir Französisch und die Frankophilie beibrachte. Wie sie mich liebevoll Principessa nannte. Und wie sie und die Oma mir eine Babyborn besorgten, die wir Lailah nannten. Ein Name, der für mich bis heute Widerstand bedeutet, denn ich habe das unfassbar große Glück eine der ganz wenigen trans Frauen zu sein, die eine Puppe hatten, auch wenn sie versteckt werden musste, wenn de Babbe da war, weil sonst …das… wieder passiert wäre.


Und es war ja nicht alles schlecht. Ich hatte eine beste Freundin, ‘s Celine, deren Eltern mit meinen befreundet waren und wenn wir uns trafen, dann machten wir uns über de Lugga mal ausnahmsweise lustig und verdammt fühlte sich das gut an, mal auf der anderen Seite zu sein. Ich war zu klein, um zu verstehen, dass der bei meinen Cousins nur mitmachte, um selbst nicht Opfer von …dem… zu werden und er sie so irgendwo besänftigen konnte. Er hatte nicht das Privileg zu klein zu sein zu dürfen, um das zu verstehen. Er verbrachte und verbringt sein Leben als mein Beschützer und musste dafür immer groß sein, auch wenn er es nicht war. Und ehrlicherweise macht ihn das größer als mich, er wurde zum Yang. Was aber nicht heißt, dass ich aufhöre meinen Geburtstag als MEINEN Geburtstag zu feiern und erwarten, dass er zu MEINEM Geburtstag kommt. Manche Sachen stehen mir dann doch zu.


Beim Celine seine Eltern konnte ich auch sein, wer ich wollte. Ich durfte m Celine sei Sachen anziehen und ihr Vadda war sogar gar nicht böser drüber, er freute sich darüber. Celine war eine Prinzessin, mit Allüren, mit Barbies und vor allem mit Diddl-Mäusen und mit allem Drum und Dran. Ihr Zimmer war ein pinkes Paradies und ich liebte alles daran. Was hätte ich getan auch so ein Zimmer zu haben. War sie sich überhaupt bewusst, in welchem Luxus sie lebte? Sie musste um gar nichts kämpfen, musste sich nicht verstecken. Und in diesen Momenten bei ihr zuhause durfte ich auch ein wenig Prinzessin sein.


Als wir eines Tages im Auto saßen, fragte mich seine Mudda, [8] was ich mal werden wolle, wenn ich groß sei und ich sagte ganz klar: „E Fraa!“ Ihr Vater schaute mich im Rückspiegel an und sagte trocken mit einem verschmitzten Grinsen, dass er mir „zeihe konn wie ma e Fraa gebbd.“ [9] Und am selben Abend geschah …jenes… Wenn im Fernsehen das und damit meine ich …jenes… gezeigt wird, wehren sich die Kinder, hätte ich das auch machen sollen? Hätte ich das machen dürfen? Wieso sagte mir nie irgend jemand, dass man das kann?


Albert Weisgerber: David und Goliath. 1914. In der biblischen Geschichte hat David

allerdings kein Schwert. Weisgerber fiel kurz darauf, an der Westfront in Französisch-Flandern.


Der ihr Haus hatte den Schwert. Weisgerber fiel kurz darauf, an der Westfront in Französisch-Flandern. Eingang im ersten Stock, wo auch das Wohnzimmer war, während das Schlafzimmer im Erdgeschoss war. Und wenn ich dort war, dann schlief ihre Mudda immer im Wohnzimmer und wir waren zu dritt da unten und da war …jenes… Und ich weiß noch, dass ich zwei Gefühle hatte in diesem Moment: Ich fühlte ich ohnmächtig, der Goliath war auf mir. Nur war es nicht wie beim Dingmadder [10] Bub Albert Weisgerber, dessen David cool von dem von ihm enthaupteten Goliath weglief, mir haben sie nämlich vergessen ein Schwert mitzugeben! Und ich war neidisch, unfassbar neidisch, mindestens genauso neidisch wie Weisgerber auf die im Krieg Ausgemusterten, denn er mochte sie mehr als mich. Und dieses Gefühl werde ich mir nie verzeihen.


Die frühe Kindheit zog hinüber und der Rest war geprägt von, ja von was? …Das… hörte nach dem Pool auf und …jenes… nachdem meine Mamma es vermutete und den Kontakt zu denen abbrach. Und was von mir übrig war, war Wut. Ich hätte den ganzen Tag schreien können, bis ich irgendwann so viel geschrien habe, dass keine Luft mehr aus mir raus kam. Und ich weiß gar nicht wie man das nennt, aber wenn mich jemand berührte, auch wenn es die Mamma war, durchzog meinen Körper ein elektrischer Schlag, als würden gleichzeitig 1000 Ameisen in meinem Körper zubeißen.


Die Erwachsenen, die Riesen, waren für mich damals ein monolithischer Block mit der einzigen Ausnahme meiner Mama. Ich vertraute denen nicht, für die war ich doch nur ‘ne Schwuchdel. Wem hätte ich denn bitte von …dem… und …jenem… erzählen sollen? Hätte es ernsthaft jemanden gegeben, der es schlimm gefunden hätte, dass …das… oder …jenes… mir, d.h. jemanden wie mir, passiert? Heute noch reagieren Männer mit …dem… oder …jenem… auf mich und heute noch weiß ich nicht, ob die Erwachsenen das wirklich schlimm finden. Aber ich überlebte die Kindheit. Ich lernte Linda kennen, mein Fels in der Brandung, mein Fels auf dem ich meine Kirche bauen werde und die mir all die Jahre beistand und zu meiner ersten Jüngerin wurde. Mal ausnahmsweise ohne Ironie: Ohne sie wäre ich tot.

Ich denke gern daran zurück, wie sie mich in der Grundschule auf die Märretuledd [11] geschmuggelt hat, damit ich pinkeln konnte ohne …das… zu erleben. Wie wir Tiere im Strauch neben der Schule gespielt haben, wie wir in der Ill baden gangen waren, wie sie sich berechtigterweise über mein bruchstückhaftes Hochdeutsch lustig gemacht hat – und macht. Und an all die vielen Erinnerungen auf dem Spielplatz an dem Feldweg nach Zääsvilla [12] oder wie wir 45 Minuten nach Hedsvilla [13] gelaufen sind, um für de Lugga seinen Freund de Robi zu suchen. Okay Till, tut mir leid, aber Platz 2 musst du dir teilen.


Die Wut ging irgendwann auch vorüber und war gefolgt von Melancholie – so nennt man übrigens Depression, wenn man eine Diva mit Gottkomplex ist. Und im Laufe der Jahre lernte ich, dass die Erwachsenen kein monolithischer Block sind, dass die Welt wesentlich breiter und vielfältiger als Hiddschvilla [14] ist. Ich lernte, dass die Kirche, die für mich immer zu diesem Block dazugehörte, auch einen Platz für mich hat. Ich lernte, dass Hochdeutsch sich für mich nie nach Heimat anfühlen wird, ich lernte, dass die Leid ausm Reisch [15] nicht die Gastfreundschaft und Geschwätzigkeit der Saarländer haben. Dass …das… und …jenes… auch woanders passiert und dass, obwohl ich wegrennen wollte, das Saarland und nur das Saarland heute für mich ein heimeliges Gefühl ausstrahlt. Und dass mei Babba sich ändern kann und dass ich mich bei ihm sicher fühlen kann und dass er e rischdischa Babba sein kann, der für mich da war, als die Mamme starb. So bleibt nur zu sagen:

„Ich bin, der ich bin“ – Ex 3,14





1 Saarbrücken

2 „Bleibt mal hier bei mir“

3 Der Verkünder von Bahá’u’lláh in der Bahá’í-Religion, die in meinem Leben auch eine sehr wichtige Rolle spielte

4 „Andreas, pass‘ aber auf, sonst wird er noch schwul!“

5 „Papa, darf ich Ballett tanzen? Celine macht das auch.“ „Nein, ich will nicht, dass du mal schwul wirst!“

6 „Ein richtiger Mann, der weint nicht.“

7 Beides saarländische Ausdrücke für „sich nicht benimmt“.

8 „ihre Mutter“, Frauen werden im Saarländischen mit dem sächlichen Genus markiert.

9 „zeigen kann, wie man eine Frau wird.“

10 St. Ingberter

11 Mädchentoilette

12 Zeisweiler

13 Hirzweiler

14 Hüttigweiler

15 „die Leute aus dem Reich“, das Reich ist die saarländische Bezeichnung für das Deutschland, das nicht das Saarland ist.






 
 
 

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