• Jakob Burgi

Feuerholz

Diesen Herbst schafften wir es endlich, zusammen für ein paar Tage an den Bodensee in das Haus einer Bekannten zu fahren. Wir, das bedeutete meine Freunde Raquel, Aila, Tamil, Oistine, Hans, Tabea und ich, Burkhardt. Das Wetter war vergleichsweise trocken, aber es windete viel und stark, der Winter kündigte sich bereits an. Der Föhn, der gewöhnlich den warmen Wind aus der Schweiz mit sich bringt, blies jetzt auch aus Österreich, und war ganz und gar unberechenbar. So immerhin hatten wir klaren Himmel.


Ich fühlte mich sehr an meinen Opa erinnert, der sein ganzes Leben am See verbracht hatte. Er erlebte noch die letzte Seegfrörne und fuhr damals auf dem zugefrorenen See mit Schlittschuhen zu seiner Ausbildungsstätte in die Schweiz. Vor allem aber kannte er sich sehr gut mit dem Wetter in der Region aus. Natürlich erzählte ich den anderen von seinen Erfahrungen, vielleicht würde uns sein Wissen ja nutzen, dachte ich. »Mein Opa meinte, dass die Gewitter in den letzten Jahren nicht mehr wie sonst aus dem Westen kommen. Der Föhn sei schwächer geworden, und unvorhersehbarer. Gleiches gelte für die Gewitter. Noch vor zehn Jahren sei klar gewesen, dass, wenn sich über der Schweiz die Gewitterwolken zusammenbrauten, das Gewitter innerhalb von drei Stunden bei uns ankommen würde. Heute sei das nicht mehr so, manchmal verliere es sich über dem See, oder ziehe gar gen Westen. Wir hätten es verlernt, mit dem Wetter zu sprechen. Und wer nicht sprechen könne, bliebe einsam, sagte er oft und gerne. ›Schau‹, erklärte er mir dann, wenn der Horizont wieder einmal dunkel wurde, ›die Boote sind auch jetzt noch auf dem Wasser. Vor 50 Jahren wären längst alle in den Hafen zurückgekehrt, und der Hafen hätte sich mit den Flüchen der Schiffer gefüllt. Jetzt aber sind sie alle noch auf dem Wasser zu sehen, und niemanden interessiert, dass die Fische schon lange ins tiefere Wasser abgetaucht sind.‹« Das jedenfalls sagte mein Opa.


Am sechsten Tag kam schließlich der Moment, in seine Fußstapfen zu treten. Über Romanshorn in der Schweiz hatte sich bereits zur Mittagszeit ein beeindruckendes Unwetter zusammengebraut, und weil sich unsere Unterkunft als ziemliche Bruchbude herausgestellt hatte, waren wir alle etwas aufgeregt. Auch bei uns wurde der Himmel bald darauf dunkel. Trotzdem wollte Oistine gerne die Fernsehantenne auf dem Dach reparieren, »endlich«, wie sie sagte, »wenn nicht jetzt, wann dann?« Bis zu diesem Zeitpunkt nämlich hatte der Fernseher, der im sehr großen Wohnzimmerkamin stand, zum Unmut einiger von uns nur künstliches Feuer anzeigen können.


Also stiegen ein paar von uns aufs Dach, die anderen beobachteten besorgt die Wolken, und versuchten, die Erfahrung meines Opas zu nutzen. »Schau, das Gewitter kommt aus dem Südwesten, es muss also wie vor zehn Jahren sein, wie Burkis Opa erzählt hat. Also wird es in spätestens einer Stunde ordentlich gewittern«, sagte Raquel, und Tamil rief hoch aufs Dach, das wir schnell machen sollten. Um den Empfang zu verbessern, brachten wir die Antenne oben auf dem Schornstein an. Nach einer halben Stunde wackelte die Antenne noch etwas im schnell stärker werdenden Wind, aber Oistine war zufrieden und verschwand im Haus, um zu gucken, ob der Fernseher schon Empfang hatte. Es klappte! Sie setzte sich vor den Kamin und verschwand von der Bildfläche.


Das nächste, auf das wir uns geeinigt hatten, war, die Fensterläden rasch zu kontrollieren. Die meisten ließen sich gut schließen, aber bei einigen mussten wir etwas nachhelfen. Die im Schlafzimmer (in dem wir uns ein gemütliches Bettenlager eingerichtet hatten) waren die einzigen, die besonders hartnäckig waren. Sie ließen sich nicht schließen und klapperten auch geöffnet laut, selbst wenn wir sie an der Hauswand befestigten. Die beiden unteren Angeln hatten sich verbogen, aber im Haus war kaum Werkzeug vorhanden. Wir schafften es lediglich, einen großen Abrisshammer und eine schwere Axt zum Holzhacken aufzutreiben. Den Hammer konnte niemand außer Hans hochheben. Nach einem scharfen Blick auf die Angeln war klar, dass er je einen Versuch hatte, um sie zu reparieren, oder sie würden zerbrechen. Er schaffte es nicht. Nach seinen Schlägen waren die Angeln entweder abgebrochen oder noch mehr verbogen, und nichts bewegte sich mehr.


Aber wir wollten die Läden ja eigentlich schließen. Also kam die Axt zum Einsatz, und Aila stellte sich damit als äußert geschickt heraus. Bald war der rechte Laden von seiner unteren Angel getrennt und ließ sich zuklappen. »Na also«, meinte sie, »geht doch!« Tabea hingegen traf auf der anderen Seite statt der Angel das Fensterglas. »Aber das war ja eh immer auf nachts« meinte sie, »ist doch jetzt echt kein Problem.« Wir waren noch dabei, die Läden mit einem Seil zusammenzubinden, als die ersten schweren Regentropfen fielen.


Da die Haustür schon länger ähnliche Probleme zeigte, hatten wir Angst, dass sie einen starken Sturm nicht überstehen würde. Tamil und ich machten uns zusammen mit dem Hammer auch an diese Angeln. Aber es klappte wieder nicht. Während wir die Tür aus den Angeln hackten, schlug der erste Blitz in Oistines Fernsehantenne ein. Sie rannte schreiend aus dem Haus und rief: »Der Fernseher brennt!« »Chill mal«, meinte Tamil. »Ich bin mir sicher, dass die Heizung nicht mehr funktioniert, das Licht ist auch ausgegangen. Da käme ein Kaminfeuer doch gerade recht. Wo ist das Feuerholz? Schnell! Den Fernseher bringen wir raus, sobald das Feuer an ist.« Während er, Raquel, Hans und Aila sich darum kümmerten, versuchten wir anderen, die Tür zu retten. Sie war während der Aufregung aus der Wand gebrochen und war zu schwer, um bewegt zu werden. Wir wussten uns nicht besser zu helfen, als die Tür zu Feuerholz zu verarbeiten.


Doch ohne Türen ist man einsamer. Um die Einsamkeit nicht zu spüren, stellten wir uns einen Sitzkreis aus den Sofas, in die man am tiefsten versinken konnte, zusammen. Zwischen die Sofas stellten wir einen niedrigen Tisch, der den Raum in der Mitte ganz einnahm. Er war gerade hoch genug, dass wir noch unsere Beine darunter stellen konnten, und ragte dabei so sehr über die Sitzflächen, dass wir unser Bier auf dem Tisch erreichen konnten, ohne uns auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Das Essen wurde in die Tischmitte gestellt, und es gab Teleskopgabeln, die man wie den Zeigestock meiner Lehrerin in der Grundschule zu beachtlicher Länge ausfahren konnte, um so alles auf dem Tisch zu erreichen. Kurz bevor wir uns setzten, legten wir Feuerholz nach, um es noch gemütlicher zu haben. Dann versanken wir in der Polsterung und ließen es uns gut gehen. Durch die fehlende Tür und das zerstörte Fenster kam das mächtige Grollen des Gewitters herein. Es hatte uns, bis auf den Blitz und ein paar dicke Tropfen, verpasst. Trotzdem windete es durchs Wohnzimmer. Das Feuer hielt sich tapfer, aber Hans war mit der Situation noch nicht ganz zufrieden. Er saß in der Zugluft, wollte sich aber dennoch nicht bewegen. »Ne, soll halt diese Eiszeit von mir aus kommen. Jetzt habe ich auch keinen Bock mehr, aufzustehen. Warum sollte ich auch? Aus dem Sofa bekommt mich nichts mehr so leicht raus, und eigentlich habe ich auch keinen Bock, über irgendwas nachzudenken. Das ist viel entspannter, als zu verstehen, was irgendein Zeug jetzt von mir will.« Und solang wir noch Türen hatten, würde das Feuer immerhin nicht ausgehen. Uns war fast angenehm warm.