• Ziollo

invidia

invidia


vom fleisch der viper zehr ich das pech und gift.

den dornenspruch, den pfeil, der immer trifft,

entsend' ich tief ins schwesterherze,

ström hinein, dass vor sehnsucht schmerze.


mein hauch verdirbt die menschen und felder wel-

ken, städte sinken trunken von meinem quell.

mir ist ein leichtes seelenfangen:

mache die menschen nach mehr verlangen.


den kalten schleim, den schwarzgrünen spritze ich

den lungen ein des zweifelnden taugenichts:

von neid erfüllt kann er der seinen

trauer nicht länger, nur freude weinen.





invidia II. das glück der andern


das glück der andern – qual ihr gelächter mir.

verstoßen haben sie mich wie kriechgetier

bewohn' ich einsam zwischenwelten:

finsternis lässt mir die menschheit gelten.


sie treiben's heiter, lustig im sonnenwarm,

schwer wiegt mir jeder freudigen regung gran.

das kind der finsternis bin ich ver-

dammt zu verdammen die lebenslichter.


was bleibt mir anders? endlose nächte wach

ich wachgetrieben, bis mir Erynis sprach:

verzehrt und schwach von euren freuden;

sollt ihr das leben in neid vergeuden.






zum mythos


die römische göttin invidia ist die inkarnation des neides. ihr altgriechischer konterpart trägt den namen nemesis, übersetzt in etwa »geben, was gebührt«. die göttin ist eine düstere gestalt: geboren als kind von erebos, der dunkelheit, und nyx, der nacht, haust sie fernab jeden lebens in einer kalten, verlassenen hütte. ovid beschreibt sie als abstoßende dämonin:


»Bleich sind die Wangen und Mund, die Dämonin ist mager am ganzen

Leib, stets schielt sie querüber, von Rost sind dunkel die Zähne,

Grün von Galle die Brust, von Gift unterlaufen die Zunge;

Lachen kann sie nur dann, wenn sie Schmerz bei andern erblickt hat;

Schlaf ist ihr fremd, da wache Gedanken sie quälen: der Menschen«


(ovid: metamorphosen, II 779–782)



athenes bruder hermes begehrt die königstochter herse. um zu deren gemach zu gelangen, muss er an herse's schwester aglauros vorbei. der gott besticht die schwester mit gold, damit sie das geheimnis für sich wahre.

athene hat seit längerem einen zwist mit aglauros. sie hatte der königstochter ein geheimnis anvertraut: eine kiste mit unbekanntem inhalt, die um keinen preis geöffnet werden dürfe. aglauros bricht das geheimnis und findet in der kiste einen knaben, dessen herkunft athene geheim halten wollte.

die göttin ist erzürnt. als sie vom verhältnis des bruders zur herse hört und dem geschäft, das er mit der schwester geschlossen hat, wittert sie eine möglichkeit zur rache. sie trägt invidia auf, aglauros neid einzupflanzen. der zauber wirkt: beim nächsten besuch von hermes verweigert sie dem gott den zutritt – woraufhin dieser sie zu stein verwandelt.

(ovid: metamorphosen, II 760–835. übersetzung nach hermann breitenbach)





zur form


für invidia habe ich die alkäische ode als form gewählt, die vor allem durch horaz bekannt ist. klopstock hat die strophenform erstmals (so bekannt) ins deutsche übertragen. entgegen der meisten anderen metren, die auf versebene etwa als »jambisch« oder »daktylisch« beschrieben werden, kann man die ode nur auf ebene der strophe begreifen: eine alkäische odenstrophe umfasst vier verse mit je eigenem hebungs- und seknungsmuster:


v–v–v'–vv–v–

v–v–v'–vv–v–

v–v–v–v–v

–vv–vv–v–v


wobei

»–« einer hebung

»v« einer senkung und

»'« einer zäsur entspricht.



so etwa bei hölderlin (hebungen und zäsuren markiert):


»Froh kéhrt der Schíffer | héim an den stíllen Stróm

Von Ínseln férnher, | wénn er geérntet hát;

So káem auch ích zur Héimat, háett ich

Gúeter so víele wie Léid geérntet«


(hölderlin: die heimat, in: gerhard kurz (hg.): hölderlin. gedichte, ditzingen 2003, s. 39)



für das moderne ohr ist die ode als einheitliche form kaum mehr wahrnehmbar. die odenstrophe klingt für uns höchstens artifiziell und antikisierend. um der form mehr stabilität zu geben, habe ich mich hier dafür entschieden, sie durch reim zu verbinden. die einzige möglichkeit dafür ist der paarreim, weil je die ersten beiden verse auf einer hebung bzw. männlichen kadenz, die schlussverse auf weibliche kadenz enden.

die beschreibung der invidia ist eine der eindrucksvollsten in den metamorphosen. das sinistre, widerliche, abgezehrte der verstoßenen göttin, die allein in einer eingefallenen, kalten hütte am weltenrand wohnt und sich vom fleisch der giftschlangen ernährt – kaum eine der zahlreichen heroischen und prunkvollen beschreibungen in den metamorphosen kann mit dieser tiefe schritthalten. invidia wollte ich daher eine form geben, die diese tiefe zulässt: die ode, die aufgrund ihrer komplexen und strengen struktur sich perfekt eignet für einen so düsteren und eindringlichen stoff. dabei war meine erste idee allein, ovids beschreibung der invidia aufzugreifen und die odenform daran ihre eigentümliche wirkung entfalten zu lassen. bei der materialsammlung für den text aber ist mir aufgefallen, dass invidia, entgegen ihrer beschreibung als abstoßendes monster, eine durchaus ambivalente gestalt ist. sie leidet: »Unwillkommene Erfolge betrachtet sie, und im Betrachten/ Zehrt sie sich ab; denn andre benagt sie und nagt an sich selber/ Und ist so ihre eigene Pein.« (II 780-782) – und kann ihr leid nicht fliehen, denn sie selbst ist dessen ursprung. die göttin ist der freude unfähig – denn sie weint, wenn um sie herum alles glücklich ist.

so entstand in mir das bild der verstoßenen, der tochter der dunkelheit und der nacht, die nicht in der unterwelt, nicht auf der erde, nicht im himmel heimisch ist, von allen wesen verabscheut. und die an ewigem leid krankt, weil sie–an der freude selbst nicht einmal freude finden kann. dieser verurteilten invidia wollte ich einen eigenen text widmen. dafür habe ich die odenform beibehalten. beide interpretationen der figur lasse ich nebeneinander stehen.