top of page
  • Felix Kunz

Mehr Schein als Rhein

Forscher graben im Neckar nach dem Rheingold – und finden eine Taschenlampe



Von Oskar Krull


Der Kolabo-Einsatz der Mannheimer freiwilligen Feuerwehr mit dem Bergungsteam »Deep Dive II« der »Deutsche Unterwasser AG« hätte größer sein können. Zwei Einsatzwagen stehen am Neckar bei Hirschhorn, eine Hand voll Schaulustige, an der Zahl kaum größer als die Gruppe der anwesenden Journalisten, beobachten den Bergungskahn, der keine zehn Meter vom Ufer entfernt eine Seilwinde senkrecht ablässt. Zwei Taucher sind kaum im Wasser, als sie mit einem länglichen Gegenstand in der Hand am Ufer aus dem Fluss treten. Sie präsentieren ihren Fund der überschaubaren Gruppe: eine Taschenlampe. Die Enttäuschung ist groß.

Denn was das Bergungsteam hier gesucht hat, ist historischer, ja nationaler Bedeutung. Nichts weniger als der Nibelungenhort sollte in der unscheinbaren Flussbiegung begraben liegen. Dass ein Bergungsboot von Mannheim bis Hirschhorn gesendet wurde, um das Rheingold im Neckar zu suchen, liegt aber nicht daran, dass eine Verwaltungsfachkraft ihre Geographiehausaufgaben nicht gemacht hat. Im Gegenteil: Neueste Erkenntnisse ließen Forscher vermuten, dass das Rheingold eigentlich ein »Neckargold« sein müsste.


Ihren Anfang nahm die Neuauflage der traditionsreichen Schatzsuche eineinhalb Fahrtstunden entfernt im Kloster Sankt Frankonius bei Pfaffendorf. Zwei Monate, bevor die Taucher in die Fluten steigen, macht Karl Biegenhuf eine Entdeckung in den Mauern seiner spirituellen Wahlheimat.

Wir treffen den Mönch in der Klosterküche zwischen hohen Metalltöpfen und einem Korb mit Gemüse. Der Koch des Ordens bereitet das Abendessen zu. »Heute gibt es Kohlsuppe«, sagt er, während er das letzte Stück Karotte behutsam in einen der Töpfe legt. Der Mann um die Vierzig trägt eine fleckige Schürze über seinem Ordenskostüm, der berühmten marinegrünen Kutte der Frankonier. Sein breites Lächeln erstreckt sich von Haarbüschel zu Haarbüschel der standesgemäßen Haartracht.

»Das Kloster wurde im elften Jahrhunder gegründet und ist seitdem weitgehend unversehrt geblieben«, erzählt Biegenhuf, während er die Schürze ablegt und sich die Hände wäscht. »Einige Schriften stammen noch aus der Zeit.« Über lange Steinflure begleiten wir den Mönch in seine Schreibstube. Hier legt er uns einen Bogen bedruckter DIN-A4-Zettel vor – eine Kopie jener Schrift, die die Schatzsucher an den Neckar locken sollte. Das Original musste er abgeben. Biegenhuf: »Ich arbeite seit gut einem Jahr an einem Band zum Thema Klosterküche. Bei Recherchen in unserer Bibliothek ist mir aufgefallen, dass viele Werke zum Thema nicht digitalisiert sind. Also wollte ich dafür eine Datenbank erstellen.« Nachdem das letzte Rezept des »Liber de cibis salubris« in den Scanner gewandert war, staunte Biegenhuf nicht schlecht, als er den Text der Folgeseite in Strophen und Versen vorfand. »Es kommt hin und wieder vor, dass Sachtexte oder sogar Rezepte aus dieser Zeit in Versen, oder zumindest versähnlich, geschrieben sind.« Das Ausmaß seiner Entdeckung wurde ihm bei näherem Hinschauen bewusst. Denn die paargereimten Vierzeiler erzählen nicht etwa vom Einkochen von Pferdehufen oder der Extraktion von Fenchelöl. Sondern sie enthalten jene berühmte Passage des Nibelungenlieds, die berichtet, wie Hagen von Tronje das Rheingold versteckt – in einer bislang unbekannten Fassung.

»Es ist nicht ungewöhnlich, in Büchern vor der Zeit des Buchdrucks solche Anhängsel zu finden«, erklärt Karin Oberwalz, Professorin für Germanistik an der Uni Heidelberg. Der Fachbegriff dafür laute »Adjunktion«. »Bücher waren teuer und wegen der Bindung nicht mit beliebigen Seitenzahlen zu haben. Je nach Format und der damit zusammenhängenden Faltung der Druckbögen gab es etwa nur ein Vier-, Acht- oder Sechzehnfaches an Seiten. War ein Text fertig und es waren noch ein paar Seiten über, hat man einfach noch etwas dazugeschrieben, um das teure Gut nicht zu verschwenden.«

Vergleichbare Fälle gibt es einige. 2002 entdeckten Forscher in der Bibliothek des Klosters St. Angau im Harz zwei bislang unbekannte Gedichte vom großen Minnesänger, Walter von der Vogelweide, die im Anschluss an einen theologischen Kommentar zum Buch Ezechiël verfasst waren. Erst kürzlich tauchte bei Forschungsarbeiten in den Archiven der Zentralbibliothek Zürich eine Passage aus dem »Iwein« Hartmann von Aues auf, die von einer Affäre Iweins zu Feimorgan, der Halbschwester des König Artus, berichtet. In dem kurzen Text, der an eine Abschrift von Boethius' Logik angehängt ist, nutzt Feimorgan den Wahnsinn des Ritters aus, um ihn in einen Liebeshändel zu verstricken, bevor sie ihm den erlösenden Zaubertrank einflößt.

Solche Funde interessieren in der Regel nur die Fachwelt und führen im besten Fall zur ein oder anderen Neuauflage eines Reclam-Bändchens. Im aktuellen Fall ist das anders. Denn der Nibelungenhort ist nicht nur Germanisten und Mittelalterfans ein Begriff. Um das »Rheingold« ranken sich zahllose Geheimnisse. Nicht zuletzt widmete Richard Wagner dem Schatz sein opus magnum und erhob ihn zum Nationalmythos.

Diesem Nationalmythos endlich auf die Schliche zu kommen – darauf gab die neu entdeckte Nibelungenpassage Hoffnung. Die 24 Strophen à vier Verse enthalten jene Erzählung, wie Hagen von Tronje, nachdem er Kriemhild den Schatz geraubt hat, diesen in den Wassern des Rheins versenkt. Allein, die genaue Ortsangabe dürfte beim ein oder anderen modernen Leser für Verwirrung sorgen. Die entsprechende Strophe lautet:


Ê der künec rîche · wider wære komen,

die wîle hete Hagene · den schatz vil gar genommen,

in vuorten zwelf kanzwegene · hô hin nâch den Rîn,

vüre den iettenbiule · dô solt verborgen er sîn.


In der Übersetzung:


Bevor die reichen Könige · waren wiedergekommen,

Hatte Hagen von Tronje · den Schatz an sich genommen.

Er fuhr ihn in zwölf Leiterwagen · weit hinauf den Rhein,

Am Jettenbühl vorüber · dort sollt' er verborgen sein.


»Der Jettenbühl ist jener Felsvorsprung, auf dem heute das Heidelberger Schloss steht«, erklärt Karin Oberwalz, »und der liegt bekanntlich am Neckar, nicht am Rhein.« Die Passage berichte also von einem Marsch entlang des Neckars – der jedoch als Rhein bezeichnet wird.

»Das hat mich natürlich verwundert, deswegen habe ich nachgeforscht, was damit gemeint sein könnte.« Oberwalz stieß auf eine kriegerische und politische Auseinandersetzung zwischen der Grafschaft Württemberg mit den schweizer Kantonen Graubünden, Glarus und St. Gallen, die auf die Zeit um das elften Jahrhundert datiert wird. »Dabei ging es um kleinere Territorialstreits, nichts Weltbewegendes, darum sind auch wenige schriftliche Quellen überliefert.« Dennoch lag in dieser historisch unbedeutenden Auseinandersetzung der Schlüssel für die Lösung der Namensfrage. »Es ist in der frühen Geschichte immer wieder vorgekommen, dass die Namensgebung von Flüssen, Gebirgen und so weiter als ein Instrument genutzt wurde, um Macht zu demonstrieren. Flüsse, beziehungsweise ihre Zuflüsse, sind hierfür prädestiniert. Denn was ist bei einem Fluss die Quelle? Was der Zufluss? Das ist manchmal von äußeren Merkmalen wie der Größe abhängig, oft aber auch einfach eine Frage der Definition.« Im Streit der Württemberger mit ihren Nachbarn im Süden wurde der Neckar kurzerhand in den Rhein »umdefiniert«. Der von da an »namenlose« Fluss, der in den Bergen Graubündens entspringt und über die Alpen gen Mannheim fließt, sei dessen Zufluss. »Und in eben diese Zeit fällt die Entstehung der ersten Nibelungentexte«, so Karin Oberwalz.

Und »im Rhein« – zumindest in jenem aus dem elften Jahrhundet – sind die Schatzsucher fündig geworden. Oder, zumindest haben sie etwas gefunden. »Ich bin mir nicht sicher, wie wir das Ganze einordnen sollen«, sagt Ulf Grabe-Kiehn, Leiter des Bergungsteams »Deep Dive II«. Bei einem ersten Tauchgang waren er und sein Kollege auf eine ungewöhnlich geformte Steinplatte gestoßen, die auf dem Grund des Neckars lag – eben an jener Stelle, die der Forschung zufolge als Schatzgrube infrage kommt. »Kreisrund und eineinhalb, vielleicht zwei Meter im Durchmesser«, so Grabe-Kiehn. »Da kamen wir unmöglich drunter. Also haben wir einen Bergungskahn bestellt.« Als dieser den massiven Stein erstmals anhob, waren die Taucher nicht wenig verwundert, als aus den Tiefen tatsächlich ein goldener Schein drang. »Mir ist das Herz stehen geblieben«, sagt der Berufstaucher. Die Aufregung legte sich schnell, als er der Quelle des Scheins auf den Grund kam. Hier leuchteten weder Gold noch Edelsteine – sondern eine Taschenlampe. Eingeschaltet. Unter Wasser. »Ich kann mir das nicht erklären«, sagt Ulf Grabe-Kiehn. »Die Platte war massiv, die Lampe lag mitten drunter.« Zudem sei die Lampe von innen komplett durchnässt gewesen. »Vom technischen Standpunkt besehen, hätte die gar nicht leuchten dürfen.«

Während der Taucher sich uneinig ist, hat die Forschung ihre Entscheidung bereits getroffen: die mysteriöse Taschenlampe ist nicht der Nibelungenhort. Entsprechend ist sie auch nicht im deutschen historischen Museum in Berlin ausgestellt, sondern direkt von der Ausgrabung ins Museum der Mannheimer freiwilligen Feuerwehr gewandert. Carsten Ostenpfalz, Museumswart des Vereins, betreut die kleine Ausstellung. »Die Lampe funktioniert einwandfrei, wir mussten nicht mal die Batterien austauschen.« Nur eine Besonderheit ist ihm an dem Stück aufgefallen, das unter so ungewöhnlichen Umständen aus dem Neckar – pardon: dem Rhein – geborgen wurde. »Das ist wirklich sonderbar«, sagt Ostenpfalz, indem er die flache Glasvitrine aufschließt und die Lampe herausholt. »Jedes Mal, wenn ich damit in Richtung Nordwest schwenke, flackert das Licht.« Er schaltet die Lampe ein, dreht sich im Kreis, und tatsächlich: an einer Stelle setzt der Lichtschein aus, als hätte die Lampe einen Wackelkontakt. »Erklären kann ich mir das nicht«, sagt Ostenpfalz und zuckt mit den Schultern. Derselbe Effekt, nur ein wenig schwächer, trete auch in Richtung Nordnordost auf. »Aber das ist zu vernachlässigen«, sagt Carsten Ostenpfalz.





Am 9. Dezember haben wir im Universitas unsere vierte Lesung »Revue« gehalten. An diesem Abend haben Felix Kunz, Ege Görgün, Jakob Burgi und Patrizia Hinz aus unserer Redaktion neue Texte präsentieren. Auf unsere Ausschreibung hin haben außerdem unsere regelmäßige Gastautorin Klaudia Rzeźniczak und ein neuer Gastautor, Joshua Loska ihre Texte bei uns vorgelesen. Als musikalische Begleitung hat wie immer das Duo »blues no blues«, auch bekannt als Felix und Shadi, begeistert.

Opmerkingen


bottom of page